Mighty Tolga im Gespräch mit SiSA
... SiSA-Redakteurin Jenny Burmeister war dort und sprach mit ihm über deutschen Dancehall, Jamaica und seine Zukunftspläne:
Bist du zum ersten Mal in Augsburg?
Ja , aber ich war letztens in Ulm, weil ich da nen Gig hatte. Mit Gentleman war ich auch schon in Bayern auf Tour, aber in Augsburg bin ich zum ersten Mal.
Wirst du dich dann morgen noch ein bißchen hier umschauen?
Morgen geht’s ins Studio und da werden Dub-Plates gemacht für Sound Control und andere Augsburger Sound Systems.
Du hattest dich einst dem HipHop verschrieben. Wann und wie bist du zum ersten Mal mit Dancehall in Berührung gekommen?
Ich war eigentlich ständig in Berührung damit. Mit 14 hab ich angefangen die Lyrics von Bob Marley zu analysieren und versucht zu verstehen, was er uns sagen will, hab immer mehr Rastamänner getroffen und damals schon HipHop gemacht und auf Englisch gerappt. So richtig auf den Reggae gekommen bin ich dann 1997, als ich mich auch getraut habe ans Mikro zu gehen und als ich dann auch auf Jamaica war. Dort konnte ich mit Leuten, die das Selbe gemacht haben, das Mikro teilen, und hab dann immer mehr gemerkt, dass das mein Ding ist.
Reggae-Lyrics haben normalerweise sehr viel mit Rastafari zu tun. Fehlt deiner Meinung nach beim deutschen, bzw. deutschsprachigen Dancehall etwas, wenn die Artists nicht mit dieser Kultur verwurzelt sind, oder kann man da reinwachsen?
Jedem Artist, egal ob er in Deutschland ist oder nach Jamaica fliegt, ist es selbst überlassen, wie er sich da reinkniet. Man muss jedem die Freiheit lassen, zu sagen „ok, ich möchte jetzt nur noch deutschsprachigen Dancehall machen“, womit er dann eine bestimmte Gruppe von Leuten anspricht. Für mich sind deutsche Lyrics immer eine Brücke gewesen, um das Ganze den Deutschen näher zu bringen, weil ja nicht jeder so oft nach Jamaica fliegen und die Kultur kennenlernen kann, wie ich. Das Deutsche fühl ich auch, aber ich bin eigentlich aus der jamaicanischen Schule.
Du bist Türke, lebst in Deutschland und bist auch oft auf Jamaica, das sind ja drei ganz unterschiedliche Kulturen. Mit welcher identifizierst du dich am meisten, auch bezüglich der Religion?
Ich bin selbst gar nicht religiös erzogen worden, aber es ist nicht so, dass ich glaube - ich weiß, dass es einen Gott gibt. Und oft erwisch ich mich, wie ich auf Jamaica irgendetwas auf türkisch sage, das zeigt mir, dass da etwas ganz Krasses Gemeinsames sein muss zwischen der türkischen und der jamaicanischen Kultur. Allersdings hält mich wohl die deutsche Kultur am meisten, dadurch, dass ich mich über die Jahre integriert habe und über das System Bescheid weiß. In der Musik zeigt sich manchmal auch, dass meine türkische Herkunft mit einfliesst.
Was ist deiner Meinung nach besser daran in Deutschland zu leben, und was ist besser auf Jamaica?
In Deutschland ist es sicherer. Auf Jamaica muss man, wenn man nach Perlen taucht, wissen, wo die Haie sind. Wobei es in Deutschland natürlich genauso Riffe gibt, wo man gebissen werden kann. Dafür hat man auf Jamaica durch die Gefahren eher das Gefühl am Leben zu sein.
Was glaubst du, wo du mal deinen Lebensabend verbringen wirst?
Ich hab jetzt schon einige verrückte Sachen in meinem Leben erlebt, du weißt nie, was morgen passiert. Es gefällt mir überall dort, wo ich Liebe bekomme und dort fühl ich mich zu Hause.
Was für Unterschiede gibt es zwischen einem Dance auf Jamaica und in Deutschland?
Es gibt Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Das Gefühl ist auf jeden Fall überall da, auch wenn die Leute die Texte nicht verstehen. Die bewegen sich und es ist irgendwie ne Energie zu erkennen. Es gibt ja auch Leute, die nicht so gut tanzen können, aber das ist denen egal, die geben Gas. Auf Jamaica ist es einfach konzentrierte pure Energie, das ist der Unterschied.
Es gibt im Dancehall viele Lyrics mit schwulen- und frauenfeindlichen Inhalten. Wie gehst du damit um?
Es gibt im Leben viel wichtiger Dinge, als irgendwelchen Leuten hinterherzurennen und ihnen zu schaden, nur weil sie so oder so sind. Davon distanzier ich mich schon, wobei ich auf Jamaica jetzt nicht deswegen nen Radiosender umstelle, den ich gerade höre. Ich will Consciousness, ich will für die Mädchen singen, für Jungs, die Gefühle zeigen können, weil das ne Stärke ist.
Was war das für ein Gefühl, als du das erste Mal in Jamaica auf der Bühne standest?
Mein Herz hat geschlagen wie ne Viper, das war so richtig aufregend.
Hattest du Angst, dass sie dich als deutschen Artist nicht akzeptieren?
Das krasse und ehrliche an diesem Publikum ist, dass sie dir sagen, ob’s gut ist oder nicht, indem sie dich ausbuhen oder was nach dir schmeißen. Das ist alles schon vorgekommen, aber glücklicherweise bin ich in so einer Situation noch nicht gewesen.
Welche Musik hörst du privat im stillen Kämmerlein? Nur Dancehall und HipHop?
Nein, ich höre alles von Shade bis Soca, R’n’B, Soul, Sachen wie Celina Johnson und Anita Baker, auch oft die kompletten Bob Marley Tunes.
Hast du einen Lieblingsartist?
Bounty Killer!
Einen Lieblingstune, Lieblingsriddim?
Einer meiner Lieblingstunes ist „anyone falls in love“ von Tanto Metro&Devonte.
Dein Debutalbum ist ziemlich gut angekommen. Was kommt als nächstes?
Im Moment bin ich durch die Trennung von Topp Entertainment und Germaican Records mehr mit meiner Frankfurter Szene zusammen, das ist die SNA Crew und DJ Sherry, ein langzeitiger Kumpel von mir. Wir arbeiten zusammen, wir machen Beats, ich werde auch wieder mit Dean Fraser zusammen arbeiten, mit Richie Stephens, werde wieder nach Jamaica fliegen und hab ein 7“ Release auf den Boss-Riddim gemacht, das heißt „Pack Up“. Und das 2. Album ist in Vorbereitung. Wenn ich koche, nehm ich mir Zeit und das dauert schön lang, aber es schmeckt dann zum Schluss auch gut.
Vielen Dank für das Gespräch!