SiSA - Das Event-Port für Augsburg : 06/06/2002

Witt - Eisenherz

Große Künstler zeichnet aus, dass sie sich in regelmäßigen Abständen neu erfinden und mit überraschenden Zügen das bisherige Werk relativieren.

Große Künstler zeichnet aus, dass sie sich in regelmäßigen Abständen neu erfinden und mit überraschenden Zügen das bisherige Werk relativieren. An dieser Stelle führen Experten gerne Madonna an. Und jemand wie Joachim Witt, einer von ganz wenigen Überlebenden der Neuen Deutschen Welle, ist dann also ´der Madonna der deutschen Popmusik`? Naja. Jedenfalls spielt auch Witt gerne mal mit Erwartungshaltungen, vielleicht hat er sich deshalb über so viele Jahre retten können. Dass er mit dem sensationellen Comeback an der Seite von Wolfsheims Peter Heppner mit der pathetischen Hymne ´Die Flut` die Musikszene aufmischte, ist aber auch schon über vier Jahre her. Es folgten die Alben ´Bayreuth 1` und ´Bayreuth 2`. ´Bayreuth` - eine neo-romantische, dreiteilige Werkreihe. Dreiteilig? Wieso heißt sein neues Album dann nicht ´Bayreuth 3`, sondern ´Eisenherz`?

Eben, weil er gerne mal für eine Überraschung sorgt und weil es ihm , wie er sagt, ein bisschen zu langweilig geworden wäre, einfach nur das zu tun, was man von ihm erwartet. Auf "Eisenherz" finden sich zum guten Teil zwar Tracks, die sich thematisch wie musikalisch in den "Bayreuth"-Kontext einfügen, insofern ist dieses Album tatsächlich der Abschluss der Werkreihe. Doch darüberhinaus serviert Witt seinen Stamm-Hörern mit mindestens drei Songs schweren Stoff, an dem sie richtig zu knabbern haben. Die Texte liegen schwer im Magen. Lange könnte man über den Inhalt von "Supergestört und superversaut", "Ich bin schwul" und "Steif" (die Titel sagen vieles) sinnieren, aber da diese Tracks eher zu den schwächeren auf "Eisenherz" gehören, tun wir sie lieber schnell als eigenwillige, provokativ gemeinte Gesellschaftsbeobachtung ab. "Ich bin schwul" sei jedenfalls kein Outing, wie der nach wie vor in festen Frauenhänden befindliche Sänger versichert. Wie auch immer. "Eisenherz" wuchert mit anderen Pfunden. Im Vergleich zum getragenen, melancholischen Vorgänger geht's etwas flotter zur Sache. Da ist zum Beispiel der rasante, in die Beine fahrende Titeltrack, ein Club-Stampfer erster Güte, der als Single längst in den Charts für Furore sorgt. Oder das hymnisch-bombastische "Wie oft muss ich noch sterben?", ein Song mit einem süchtig machenden Refrain, fast eine Art "Die Flut"-Sequel. Noch mehr Pathos und Wortkraft gibt es in "Du wirst niemals meine Tränen in Dir seh'n" oder im schwermütigen Schlusstrack "Trauer liegt über'm See", der mit seiner romantischen Natur-Thematik dann doch den Kreis zu "Bayreuth 2" schließt. Ein Album, das den Hörer erst begeistert, dann verstört und schließlich versöhnlich in seinen sanften Armen wiegt. Außergewöhnlich und doch typisch Witt!

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