SiSA - Das Event-Port für Augsburg : 10/06/2002

Tocotronic - Tocotronic

Die Jungs von Tocotronic sind älter geworden. Was der Musik der Hamburger gut getan hat.

Leichter wird im Leben weniges. Die Zeit rennt mit ihren Siebenmeilenstiefeln pro Jahr einmal rund um den Globus und schleudert uns fiese Hindernisse in den Weg. Passwort geschützte Internet-Bereiche, Identifier, die den Kunden nur noch nach Augenscanning und Fingerprintabgabe in die heiligen Hallen des Dienstleisters lassen, Lohnsteuerformulare, die erstmals mehr als 14 Seiten umfassen, aber dafür online abrufbar sind. "Digital ist Besser!" haben Tocotronic uns ewigen Nörglern 1994 entgegen gerotzt, und jetzt ist der Moment für schnoddrigen Widerspruch: Ist es eben nicht. Und hört man das neue, selbst betitelte Album der drei Hamburger, merkt man: Dirk von Lotzow, Arne Zank und Jan Müller wissen jetzt, dass sie sich damals geirrt haben.

Eins zu eins ist jetzt vorbei" singt Dirk von Lotzow, um kurz später einen "Wald aus Zeichen" zu beschreiben. Das dürfte die grobe Marschrichtung der Platte vorgeben - nämlich den endgültige Bruch mit dem Phrasendrescher, die Hinwendung von einer direkten zu einer abstrakten textlichen Ebene. Geblieben ist das Spiel mit den Schlagwörtern, die Liebe zum Slogan und zur unbedingten Zitierfähigkeit. Sätze wie "Alles wird in Flammen stehen, wenn wir uns wieder sehen", "Das böse Buch wird noch gesucht, wir lesen es gern" oder "Schatten werfen keine Schatten" entziehen sich einer finalen Deutung, geben dem Hörer aber gleichzeitig eine Interpretationshoheit, die er - das zeigen viele Reaktionen - nur zum Teil nutzen möchte. So wurde schon im Voraus Kritik laut, forderten gerade Fans der ersten Stunde die alten Teenage-Angst- und Jugendbewegungstexte zurück. Ein Gedanke, der ebenso sinnlos wie falsch ist. Der Weg, den Tocotronic gehen, ist logisch und liegt in der Natur des Alterns. Bemerkenswert ist das Ergebnis dieses Reifeprozesses: Unter den Fittichen von Tobias Levin (Fame of Cpt. Kirk, Produzent von Kante und Surrogat) ist Tocotronic ein Album gelungen, das die Feinarbeit im Assoziativem auch auf musikalischer Ebene fortsetzt und dabei leichter, kompakter, tighter, aber auch durchdachter als die bisherigen Platten wirkt. Der Gesang hat das alte Aggro-Potenzial verloren, schwebt bisweilen verhalten-optimistisch über Soundscapes, die ihre Referenzen in der Pop-Geschichte der letzten zwei Jahrzehnte nicht verleugnen. Ein bisschen Bowie, ein bisschen Coldcut, ein bisschen Pavement. Dann noch ein Arne-Zank-Elektrotrack. Auch wenn das alles im geschriebenen Wort sehr arty und bemüht klingen mag: "Tocotronic" ist ein Album, dass durchaus organisch daher kommt und in seiner Gesamtheit geschlossen fließt. Böse Zungen sprechen ob dieser Leichtigkeit von der "Blumfeldisierung" Tocotronics, was ausgemachter Blödsinn ist.

Das Video zur ersten Single ´This Boy Is Tocotronic` hat SISA schon einmal besorgt, Anschauen könnt ihr es euch hier:
Tocotronic - This Boy Is Tocotronic (Video)

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