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23/05 Hauptsache: lachen, lachen, lachen? 
Bild von: Virgin
Der Trausendsassa der Avantgarde: Rocko Schamoni sinniert auf seinem neuen Album über den ´schweren Duft der Anarchie`.

Rocko Schamoni ist Musiker, Entertainer, Romanautor und Erfinder eines Punkrock-Reisemagazins bei 3sat. Mit seiner Comedy-Truppe "Studio Braun" erklärte er Deutschland den Anti-Humor. Vor ausverkauften Hallen. Auch das ist Teil der Postmoderne. Die Trendverwertung packt immer schneller zu. Was gestern noch Humor-Avantgarde war, ist heute schon Komik-Mainstream. Die Lachzyklen werden kürzer. Ganz anders verhält es sich mit der Musik Rocko Schamonis. Da darf es ruhig ein wenig klassisch zugehen. Hier leistet sich der Hamburger Dandy den Mut zum Wahren, Schönen und Guten. Mit dem Wechsel zu einer großen Plattenfirma hat er erstmals die finanziellen Mittel, den angestrebten großen Sound auch zu inszenieren. Das Ergebnis, "Der schwere Duft der Anarchie", erschien Anfang Mai. Es ist Rocko Schamonis erstes Musikalbum seit drei Jahren.

Die Single Deines Albums heißt "Geld ist eine Droge". Was willst Du uns damit sagen?

Rocko Schamoni: Der Song startet so: 'Geld ist eine Droge / Und ihr seid alle drauf / Ich kann es euch ja sagen / Ich bin es manchmal auch.' Wenn wir das Stück im Club spielen, passiert etwas Seltsames. Man hat plötzlich die totale Aufmerksamkeit des Publikums. Es wird still. Die Leute lassen ihr Bier stehen und schauen gebannt nach vorne. Da hab' ich gemerkt, dass dieser Text ein starkes Gefühl auslöst. So ist es zumindest zurzeit.

Warum berührt der Text gerade jetzt so stark?

Rocko: Die Globalisierungs-Debatte ist endgültig im Mainstream angekommen. Wenn sogar Medien wie "Stern" oder "Spiegel" über Ursachen und Hintergründe von Genua und 11. September berichten, führt das schon zum Nachdenken. Viele Menschen ahnen mittlerweile, dass das Streben nach totaler kommerzieller Verwertbarkeit einer Gesellschaft keine Lösung ist. Hinter dem Postulat der Marktwirtschaft bleibt ganz viel unbehandelt.

Dein letztes Album "Showtime" hat nur 10.000 Mark gekostet. Es klang trotzdem sehr warm und glamourös. Bei dieser Platte nun hattest Du erstmals wesentlich mehr Geld zur Verfügung. Wie hast Du es eingesetzt?

Rocko: Ich konnte zum ersten Mal in meinem Leben allen Musikern eine faire Gage zahlen. Außerdem habe ich mir einen alten Traum erfüllt, nämlich mit echten Streichern zu arbeiten. Beim Song "Berlin Woman" habe ich mir die HR-Bigband geleistet. Ich wollte unbedingt einen Sound haben, der den alten DDR-Chansons von Manfred Krug nahe kommt. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden.

Du hast auch einige Klassiker früherer Alben noch einmal neu aufgenommen. Und Du lässt Figuren aus alten Songs auferstehen. Zum Beispiel einen gewissen "Diskoteer" ...

Rocko: Der Diskoteer ist ein hedonistischer Held, der das kollektive Wohl des Clubs über sein privates Glück stellt. Mein Ziel ist, mit ihm einen Fortsetzungshelden zu etablieren, der von nun an auf jeder Platte auftauchen soll - wie Terminator 1 bis 3. Den Diskoteer möchte ich durch verschiedene Lebensabschnitte begleiten. Ich will ihn in unterschiedlichen Entwicklungsphasen zeigen.

Bild von: Virgin
´Auf dem rechten Ohr höre ich nichts mehr, nur noch ein Knacken`: Rocko Schamoni sehnt seine Pause herbei

Du hast Dich auch über Falcos "Junge Römer" hergemacht.

Rocko: Ich versuche mich auf jeder Platte an einem persönlichen Lieblingslied. Das ist wie eine Läuterung: Wenn ich es aufgenommen habe, muss ich es nie mehr wieder hören. 'Junge Römer' ist so ein Lieblingslied. Falco versuchte damals, sich als eine Art 'Ashes To Ashes'-Bowie zu inszenieren. Die Single war ein Flop. Ich habe etwa ein Drittel neu getextet, da ich ganze Passagen wegen Falcos starkem Wiener Akzent nicht verstehen konnte. Trotzdem musste ich Mutter Falco alle Rechte an dem neuen Song abtreten. Sonst hätte sie das Ding nicht frei gegeben.

Neben diesem Album machst Du ja noch eine Menge anderer Sachen. Wie schaffst Du es überhaupt, so viele Projekte parallel zu betreiben?

Rocko: Ich muss zugeben, dass ich mich im letzten halben Jahr total übernommen habe. Das ganze Elend fing im Herbst an. Ich hatte 3sat vorgeschlagen, wieder mal eine unkonventionelle Reisesendung für sie zu machen: "Pudelreisen Prag". Im September haben wir in Tschechien produziert. Danach bin ich mit meinem Partner Schorsch Kamerun direkt nach Zürich abgereist. Am Schauspielhaus arbeiteten wir an der Inszenierung seines Theaterstückes "Digitaler Wikinger". Ich machte die Musik, und wir spielten beide in dem Stück mit. Danach erschien die "Studio Braun"-Platte, an die sich eine längere Tournee anschloss. Neue Single und das Video, danach die Platte und jetzt die Tournee zur Platte ... vom letzten Herbst bis zum kommenden Sommer - nur einen freien Tag.

Fühlst Du Dich ausgebrannt?

Rocko: Auf dem rechten Ohr höre ich nichts mehr, nur noch ein Knacken. Der ganze Stress hat nur einen Vorteil: Ich habe zum ersten Mal so viel Geld verdient, dass ich nach der Tour ein halbes Jahr lang nicht arbeiten muss. Darauf freue ich mich. Allerdings möchte ich im Sommer mit einem offenen Reisezirkel drei Monate durch Südeuropa reisen. In einem Bus-Treck. Ich lade Leute ein, die bleiben eine Weile und gehen wieder, wann sie wollen. Auch da werde ich eine Kamera mitnehmen. Wenn das Material etwas taugt, werde ich es 3sat anbieten. Ich möchte mich da aber nicht zu sehr unter Druck setzen.

Früher hat man Deine Gags nur in subkulturellen Zirklen verstanden. Der Comedy-Boom in Deutschland hat jedoch dazu geführt, dass auch recht abstrakter Humor mittlerweile von vielen Leuten verstanden wird. Zumindest lachen sie darüber. Ist das ein gutes Phänomen?

Rocko: Es ist richtig, dass absurder Humor immer schneller vom Untergrund in den Mainstream weggecastet wird. Doch wenn man ehrlich ist, gab es im Zuge des Booms nicht wirklich viel Neues. Das deutsche Humor-Dreigestirn ist für mich immer noch Helge Schneider, Gerhard Polt und Harald Schmidt. Der ganze Rest des TV-Comedy-Schwachsinns ist kaum zu ertragen.

Was kann man gegen diesen Humor tun?

Rocko: Der Titel unseres letzten Studio Braun-Albums 'Fear Of A Gag Planet', die Abwandlung des alten Public Enemy-Slogans "Fear Of A Black Planet", ist durchaus ernst zu nehmen. Wir haben Angst vor einem Gag-Planeten Deutschland. Selbst wir als 'Gagisten'. Wir fürchten das definitive Um-sich-greifen eines immer flacheren Humors. Hauptsache: lachen, lachen, lachen. Das finde ich persönlich sehr witzlos. Um dem zu entfliehen, können wir unseren Humor nur immer weiter zu verfeinern. Wir sind wie Schollenbauern, die sich auf dem Gag-Planeten immer wieder neu die letzten freien Schollen sichern müssen. Es werden immer weniger. Teilweise handeln wir uns damit den Vorwurf ein, dass man unseren Humor nicht mehr versteht.

Hat so eine Flucht überhaupt Aussicht auf Erfolg? Wer sich immer weiter verästelt, kommt irgendwann nicht mehr weiter.

Rocko: Das ist eine sehr interessante und schwere Frage. Ich glaube, wir werden irgendwann einfach passé sein mit dem was wir tun. Wir verfeinern uns so lange, bis man den Humor kaum noch spürt, ihn nur noch ahnt. Dann werden wir uns in Luft auflösen. Oder nur noch ernste Sachen machen. So wie Eckhard Henscheid, der nach seiner "Trilogie des fortlaufenden Schwachsinns" nur noch ernste Sachen gemacht hat. Oder es kommen junge Leute mit ganz neuen Ideen.

Siehst Du da jemanden?

Rocko: Ich finde Christian Ulmen gut. Er ist manchmal etwas kühl. Doch er ist schon sehr grotesk, oft völlig pointenlos! In Berlin gibt es Phil, einen Comic-Typen, der sehr lustig ist. Stermann/Grissemann auf FM4 und Radio Fritz vielleicht noch. Ach, wenn ich so drüber nachdenke, bin ich fast sicher, dass in den nächsten Jahren einige junge Leute nachkommen werden.


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