Bill Gates ist tot
Haben Sie's schon gehört? Bill Gates ist tot. Erschossen. Im MacArthur-Park in Los Angeles. Ein Schwarzer war's. Natürlich. Zwei Mal hat er ihn getroffen. Sofort tot.
Haben Sie's schon gehört? Bill Gates ist tot. Erschossen. Im MacArthur-Park in Los Angeles. Ein Schwarzer war's. Natürlich. Zwei Mal hat er ihn getroffen. Sofort tot. Der reichste Mann der Welt - Das musste ja passieren. Das glauben Sie nicht? Müssen Sie aber. Schließlich steht's im Internet. Und in diesen Tagen läuft in den USA sogar der Dokumentarfilm "Nothing So Strange" an, der sich der Hintergründe des Anschlags und der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft annimmt. Überzeugt?
Es stimmt also: Kino und Internet schreiben noch immer die schönsten Geschichten. Das war schon vor Jahren so, als der in der virtuellen Welt entfachte Hype den Independent-Film "Blair Witch Project" zu einem der finanziell erfolgreichsten aller Zeiten machte. Und nun greifen die Rädchen wieder ineinander und schaffen ein makabres Paralleluniversum, in dem die Mechanismem von Politik, Popkultur und Gesellschaft anhand eines fiktiven Falles unter die Lupe genommen werden: der Ermordung von Bill Gates.
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| www.microsoft.com/billgates |
Doch in einer Welt, die seit Monaten von einer Katastrophe in die nächste schlittert, die ihren festen Halt verloren hat und in der es immer schwerer wird, das Mediengeflecht zu durchdringen, den Boulevard-Müll beiseite zu räumen und die wenigen "wirklichen" Wahrheiten nicht aus den Augen zu verlieren, erscheint ein solches Vorgehen gar nicht mal so daneben. Zudem schossen in den letzten Monaten weit schlimmere Verschwörungstheorien ins Kraut, gegen die sich diese hier wie eine nette kleine Geschichte ausnimmt. So kann man sich fast schon beruhigten Gewissens auf das Ganze einlassen - wenn Bill Gates nicht wäre. Was er dazu sagt? Begeistert ist er natürlich nicht: "Dass ein Filmemacher etwas in dieser Richtung produziert, ist sehr enttäuschend", ließ er von einem Sprecher der Öffentlichkeit ausrichten (offizielle Seite: www.microsoft.com/billgates/default.asp). Er mag sich damit trösten, dass Geld - viel Geld - nun einmal Neider und böse Geister auf den Plan ruft.
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| http://billgatesisdead.com |
Einer davon heißt Jack Perdue, ein mittlerweile arbeitsloser Flugzeug-Ingenieur, der gerade erst seinen Job verloren hat: "September was not a good month for anyone in any industry associated with airplanes", wie er erklärt. Er war einer der ersten, der dem Ruf von Filmemacher Brian Flemming (sehenswerte Webpage unter www.slumdance.com) folgte (oder war es anders herum? Ei oder Huhn? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo da draußen ...) und sich dem Andenken von Bill Gates nach dessen "Ermordung" verpflichtet fühlte. Seine Seite billgatesisdead.com führt denn auch alles Wissenswerte über die Tat, das Opfer und den Täter, die Umstände der Ermittlung und die "wahren" Hintergründe auf. Eine Verschwörungstheorie unter vielen also, nur dass hier die Mechanismen offen liegen und sich ihr Wahrheitsgehalt leicht überprüfen lässt: Das nächste Windows-Programm kommt bestimmt, und spätestens dann wird Billy The Kid seine Nase wieder lebhaft in sämtliche Kameras halten.
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| www.nothingsostrange.com |
In "Nothing So Strange" tut er das natürlich nicht - diesen Part übernimmt für ihn der Gelegenheitsschauspieler und Gates-Doppelgänger Steve Sires. Als berühmter Milliardär tritt er bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung auf und wird vor aller Augen erschossen. Geschickt arbeitet Brian Flemming mit verwackelten Videobildern, echt wirkenden Nachrichtensprechern und fiktiven Interview-Sequenzen. Unter www.nothingsostrange.com finden sich Filmausschnitte, Hintergrundinfos sowie (fiktive) Tagebücher über den Verlauf des Projektes: "Wie viele andere war auch ich anfangs niedergeschlagen nach der Ermordung. Das legte sich dann aber schnell, als die Polizei den Killer gefasst hatte ... Aber David James und Debra Meagher wiesen mich auf viele bis dato unbeachtete Aspekte hin, und bald interessierte mich, ob es nicht doch noch ein paar offene Fragen ...". Dazu kommen Berichte über die Beteiligten, die Reaktionen auf der Premiere auf dem Slumdance-Festival in Ohio und Links zu anderen - natürlich englischsprachigen - Seiten, die sich ebenfalls mit Bill Gates auseinander setzen.
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| www.citizensfortruth.org |
Die Krone setzt dem Ganzen freilich die Organisation "Citizens For Truth" auf (www.citizensfortruth.org! Nicht zu verwechseln mit dem Original unter www.citizensfortruth.com). Deren Mitglieder geben vor, sich seit zwei Jahren den genaueren Umständen der Vorkommnisse vom 2. Dezember 1999 anzunehmen. Sie diskutieren die verschiedenen Versionen des Tathergangs, versprechen, bis zur Aufklärung nicht locker zu lassen und veröffentlichten nebenbei den angeblichen offiziellen Bericht des Staatsanwaltes von L. A., den "Garcetti Report" (www.garcettireport.org).
Es kann gut sein, dass viele das gar nicht komisch finden. Aber die Welt ist nun einmal schlecht, und je weniger Illusionen über sie im Umlauf sind, desto besser. Gerade der Film "Nothing So Strange" zeigt eine Wirklichkeit, die durchaus wahr sein könnte und doch frei erfunden ist. Die Menschen haben gestaunt und gerätselt über "JFK" und Oliver Stone, warum nicht auch über Bill Gates und Brian Flemming? Und Bill? Er soll sich nicht so anstellen. Zumindest diesen Preis muss er bezahlen ...
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