08/02 Loquerisne lingua latina?
"Non scholae sed vitae discimus." Wir lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben. Das wusste schon der alte Römer Seneca. Genau das Gegenteil denkt allerdings so mancher Schüler, der im Gymnasium mit Homers "Odyssee" oder Caesars "De bello gallico" traktiert wird. Da kann man schon mal die Sinnfrage stellen: Was nützt einem der Ablativus absolutus oder der Aorist, wenn später im Berufsleben ganz andere Fremdsprachenkenntnisse verlangt werden? Doch nicht nur passionierte Altphilologen oder elitäre Humanisten können bei solchen Zweifeln nur müde lächeln. Die antiken Sprachen mögen zwar "tot" sein, doch gestorben sind sie noch lange nicht. Selbst im Internet hat die klassische Antike Einzug gehalten. Wer's nicht glaubt, der sollte einen Blick auf nachfolgende Seiten werfen.
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| www.latigrec.ch |
Die Zeitreise zurück in die Vergangenheit startet man am besten bei www.latigrec.ch. Die Website des Schweizerischen Altphilologenverbandes versteht sich als eine erste Anlaufstelle für diejenigen, die sich mit dem Gedanken tragen, Latein oder Griechisch zu lernen. Etwaige Zweifel am Sinn dieses Unterfangens dürften sich bald erledigt haben, wenn man sich auf der Seite erst einmal genauer umgesehen hat. Mit typisch eidgenössischer Gründlichkeit werden acht einleuchtende Gründe dafür angeführt, weshalb eigentlich keiner, der etwas auf sich hält, am Erlernen der alten Sprachen vorbeikommt. Doch allzu dogmatisch will man dann auch nicht sein. Neben positiven Erfahrungsberichten ehemaliger Latein- und Griechisch-Schüler bleibt auch Raum für kritische Stimmen, die den Sinn humanistischer Bildung anzuzweifeln wagen.
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| www.lateinforum.de |
"Salvete in Foro Latino" heißt es zur Begrüßung bei www.lateinforum.de. Das schon mehrfach ausgezeichnete Internet-Portal bietet umfangreiche Link-und Materialsammlungen speziell zur lateinischen Sprache und zur römischen Antike. Vor allem für gestresste Schüler, die sich Hilfe für Referate oder Hausarbeiten erhoffen, ist diese übersichtlich gestaltete Seite eine wertvolle Hilfe. Doch auch Lehrer, die ihren trockenen Unterricht mit etwas mehr Spannung versprechenden Unterrichtsmaterialien aufpeppen wollen, ist ein Besuch der Page allemal lohnend. Ein kleines Lexikon der Antike mit über 290 Einträgen und ein Forum, in dem sich Latein-Liebhaber und -Hasser untereinander austauschen können, komplettieren diesen rundum gelungenen Internet-Auftritt.
Wen jetzt die Begeisterung für die alten Sprachen so richtig gepackt hat, der möchte seine Schulkenntnisse vielleicht wieder einmal auffrischen oder die Sprachen Homers und Ciceros ganz neu erlernen. Wenn für mühselige Volkshochschulkurse allerdings keine Zeit bleibt, dann kann man sich als interessierter Nachwuchs-Römer vertrauensvoll an Franz Josef Mehr wenden. Der Altphilologe bietet seine Dienste im Internet an und bringt seine Eleven im Netz in 50 Lektionen bis zur Latinums- oder Graecums-Reife. Unter www.geocities.com/Athens/Agora6594/inhalt.html gibt es den virtuellen Crashkurs, der dem Zögling jedoch eiserne Disziplin abverlangt. Um die griechischen Texte lesen und selbst schreiben zu können, muss zuerst der Zeichensatz SPIONIC.TTF heruntergeladen werden. Ist dies geschehen, geht es auch schon los mit Vokabel- und Grammatikübungen, bei denen sich der leidgeplagte Schüler nicht selten vorkommen wird wie ein Galeerensträfling auf einer griechischen Triere.
Bei so viel Paukerei darf man sich auch ein bisschen Erholung gönnen. Wie wäre es beispielsweise mit Radio hören - aber natürlich nur auf Lateinisch. Tuomo Pekkanen und Reijo Pitkäranta, zwei Professoren an der Universität Helsinki, stellen für den finnischen Rundfunk jede Woche eine Nachrichtensendung in lateinischer Sprache zusammen, die unter www.yle.fi/fbc/latini/index.html auch im Internet zu finden ist. Voraussetzung für den Empfang der "Recitatio radiophonica" sind allerdings eine "phonocharta" und ein "audioprogramma" wie beispielsweise der Real Player. Etwas gewöhnungsbedürftig ist nur der finnische Akzent des Sprechers, bei dem man unweigerlich daran denken muss, wie es wohl wäre, wenn Mika Häkkinen die "Tagesthemen" moderieren würde.
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| www.eleaston.com/latin.html |
Über die richtige Aussprache des Lateinischen streiten indes noch immer die Gelehrten: Zicero und Zäsar oder doch Kikero und Käsar. So genau wird man das wohl nicht mehr ergründen können. Wer daran interessiert ist, wie Harvard-Dozenten die diversen Gesänge von Vergils "Aeneis" interpretieren oder ein deutscher Burschenschaftler-Chor das berühmte Studentenlied "Gaudeamus Igitur" im volltrunkenen Zustand über die Lippen bringt, der sollte zu www.eleaston.com/latin.html surfen. Unter der Rubrik "Listen to Latin" gibt es reichlich Hörproben zu bestaunen.
Ein besonderes Schmankerl ist aber wohl lateinischer Hip-Hop, dargeboten von der Rap-Formation Ista. Wenn die zehnköpfige Gruppe loslegt, verwandelt sich das Forum Romanum in die New Yorker Bronx. Unter www.ista-latina.de gibt es neben Infos zur Band auch diverse Hörproben, unter anderem die lateinische Version des Fanta-Vier Hits "Sie ist weg", den Ista als "Abiit" neu aufgenommen hat.
Nicht weniger skurril ist die 1984 gegründete Sodalitas Ludis Latinis faciundis (www.klassphil.uni-muenchen.de), eine Vereinigung, die sich der "Pflege des Lateinischen als lebendig gesprochener und gesungener Sprache" verschrieben hat. Ihr Vorsitzender ist der Münchner Altphilologie-Professor Wilfried (Valahfridus) Stroh. Dieser verleiht seiner Liebe zur lateinischen Sprache am liebsten in römischer Toga Ausdruck und deklamiert bei Römerfestspielen als "Vates" (Dichter) mit Lyra und Lorbeerkranz Gedichte von Horaz oder Catull. Eine Kostprobe seines Könnens kann man sich als Real Audio-Datei unter www.tcom.ohiou.edu/books/aeneid/Aeneid.ram anhören. Mit beschwörender Stimme und rollendem R rezitiert der engagierte Philologe Verse aus dem vierten Buch der Aeneis und erinnert dabei an Klaus Kinski in seinen besten Tagen.