SiSA - Das Event-Port für Augsburg : 13/02/2002

Hearts in Atlantis

Betörend schöne Verfilmung des Stephen King-Klassikers um einen Jungen, der hinter die Fassade des spießigen Amerikas schaut.

Genre: Drama
Start: 14.02.


R: Scott Hicks, D: Anthony Hopkins, Anton Yelchin, Hope Davis u.a.

Anthony Hopkins - wieder einmal in einer dankbaren Rolle. Bild von: Warner
16 Jahre ist es her, da geisterte ein wunderbarer Film durch die Kinos, der von vier Jungs in einem Amerika erzählte, das noch keinen Kalten Krieg kannte. Es war die unerreichte Verfilmung des Stephen King-Klassikers "Stand By Me - Das Geheimnis eines Sommers". Jetzt kommt wieder ein Film über ein Buch des großen Horrorautors in die Kinos, und wieder ist es einer der besten Filme des Jahres.

"Hearts in Atlantis" heißt Scott Hicks' Meisterwerk über das Ende einer amerikanischen Kindheit, den Verlust der Unschuld, den unerschütterlichen Glauben an Amerika und die Welt der Erwachsenen aus der Perspektive eines Kindes. Es ist ein Drama, das aber mehr schafft, als Probleme darzustellen: Dem Regisseur gelingt die teils verstörende, öfters mitreißende Erzählung einer melancholischen Erinnerung.

Bobby Garfield (Anton Yelchin, rechts) und Ted Brautigan (Anthony Hopkins) haben Freundschaft geschlossen. Bild von: Warner
Es geht um den Fotografen Bobby Garfield, der nach Jahren wieder in sein Heimatdorf im Nordosten der USA zurückkehrt, um einen Todesfall zu untersuchen. Dort wuchs er ohne Vater auf, von seiner Mutter nur wenig beachtet. Oft ist der junge Bobby mit seinem Kumpel Sully und Carol zusammen, für die er eine zart beschriebene jugendliche Liebe empfindet. Eines Tages zieht ein Fremder namens Ted Brautigam auf den Dachboden der Garfields zur Untermiete. Bobby schließt schnell Freundschaft mit dem Mann, liest ihm für ein paar Dollars aus der Zeitung vor und verliert sich in dessen Erzählungen über Literatur und Weisheiten des Lebens.

Ted Brautigan gerät tatsächlich in Gefahr. Bild von: Warner
Bobby wird von einer Gruppe Draufgängern terrorisiert, Brautigam glaubt sich von geheimnisvollen Männern in grauen Anzügen verfolgt, und Bobbys Mutter wird bei einer Geschäftsreise vergewaltigt. "Hearts in Atlantis" zeigt, gemäß der Romanvorlage, wo überall der Schrecken lauert hinter der gutbürgerlichen Fassade gepflegten Alltags. Unmerklich schleichen sich Gewalt, Vergewaltigung und Homophobie in den atemberaubend kompilierten Bilderreigen. Dabei wird gottlob vollkommen auf Horrorelemente verzichtet. Der Schrecken kommt auf leisen Sohlen und schockiert viel eindringlicher, als es je Filme der "Scream"-Machart könnten.

David Morse, bekannt unter anderem aus 'The Green Mile', spielt den erwachsenen Bobby Garfield. Bild von: Warner
Scott Hicks bewies schon in seinem letzten Film "Schnee, der auf Zedern fällt" einen Hang zu überbordenden Bildern und perfekt ausgetüftelten Einstellungen. "Hearts in Atlantis" kommt als eine von der ersten bis zur letzten Sekunde bis in den äußersten Kamerawinkel durchgeplante Ballade daher, die zeigt, wie viel Filmkunst sich auch heute noch ins Kino verirren kann. Meisterhaft ist die Szene, in der der junge Bobby seine ersten Gehversuche ins Erwachsenenleben und in die erste große Liebe beschreitet: In dieser berührenden Jahrmarktsequenz zeigt Newcomer Anton Yelchin, welch großes Potenzial in ihm steckt.

Genauso überzeugend ist Anthony Hopkins als geheimnisvoller Ted Brautigam. Sein unauffälliges Spiel erfüllt die insgesamt 100 Minuten an Spieldauer mit einer nicht zu fassenden Spannung. So bekommt die teilweise doch recht schwer- und wehmütige Handlung mit ihren betörend schönen Bildern zusätzliche Eindringlichkeit. Wenn man sich nur einen oder wenige Filme im Kinojahr gönnen möchte, sollte "Hearts in Atlantis" mit auf der Liste stehen.

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