21/02 The Deep End - Trügerische Stille 



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| Margaret Hall (Tilda Swinton) hat entdeckt, dass ihr Sohn homosexuell ist. Kurz darauf geschieht ein Mord. Bild von: Fox |
Wasser auf die Mühlen des wiederbelebten Mutterkults? Heute gelte - mal wieder - eine Frau erst mit Kind als vollständig, so das Fazit einer aktuellen "Spiegel"-Titelgeschichte. Gleichzeitig scheint das Heimchen am Herd, das zu zeigen in Zeiten der Emanzipationswellen als politisch völlig inkorrekt galt, auch wieder auf die Leinwand zurückzukehren. In "The Deep End" kämpft ein Muttertier ohne Rücksicht auf sich selbst wie die sprichwörtliche Löwin um das Wohl ihres Nachwuchses.
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| Alek Spera (Goran Visnjic) erpresst Margaret Hall. Bild von: Fox |
Kein Wunder, möchte man meinen, stammt "The Blank Wall", die literarische Vorlage, doch aus dem Jahr 1947. Der Autorin Elisabeth Sanxay Holding sprach ihr Kollege Raymond Chandler großes Lob aus und nannte sie "die beste Suspense-Schreiberin". Doch Holdings Stories rund um Frauen, die aus ihrer heimischen Idylle gerissen werden und in einem Alptraum aufwachen, bieten auch subversive Elemente. Die Autorin wagt es, hinter die Kulissen der "idealen" Familie der Fifties zu blicken: Dabei entdeckt sie Unfähigkeit zur Kommunikation und die Einsamkeit der aufopferungsvollen Mutter. Diese Themen faszinierten auch die beiden jungen Filmemacher Scott McGehee und David Siegel, die sich daran wagten, aus der Vorlage einen modernen Thriller zu entwickeln, der im Stil des Film Noirs Nervenkitzel ohne große äußerliche Action erzeugt.
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| Hat Beau (Jonathan Tucker) wirklich einen Mord begangen? Bild von: Fox |
Spannung zwischen Klaustrophobie und Einsamkeit verspricht schon der Ort der Handlung. Die Hausfrau Margaret Hall (Tilda Swinton), deren Mann sich meist als Marine-Offizier auf den Weltmeeren befindet, lebt mit ihren drei Kindern und dem kranken Schwiegervater in einer kleinen Gemeinde am Lake Tahore. Die Landschaft wirkt sehr nordisch, dichte Wälder, ein kühler klarer See, die Wüste, und in der Nähe das verheißungsvolle Reno. Hierhin zieht es auch den ältesten Sohn Beau, der im Spielerparadies seine Homosexualität entdeckt und in dubiose Gesellschaft gerät.
Eines Morgens findet Margaret den toten Lover ihres Sohnes im See vor ihrem Haus. Im Glauben, Beau (Jonathan Tucker) habe den Mann ermordet, lässt sie die Leiche und alle Indizien verschwinden. Ohne den Vorfall zu thematisieren, geht sie dem normalen Leben nach, bringt die Kinder zur Schule, plaudert mit den Nachbarn. Doch da taucht aus Reno plötzlich ein Fremder (Goran Visnjic aus "Emergency Room") auf, der 50.000 Dollar Schweigegeld verlangt. Für die Mutter beginnt ein verzweifelter Kampf um das Familienglück, bei der sie selbst in einen Sumpf aus Kriminalität und Korruption rutscht.
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| Margaret Hall gerät unter Druck. Bild von: Fox |
Das Faszinierendste an dieser Geschichte: Die ganze Zeit versucht Margaret, ihrer Familie Normalität vorzuspielen, während in ihr drin das emotionale Chaos herrscht. Eine Leiche beseitigen und mit einer Erpressung fertig zu werden, scheint genauso zu ihrem Dienst an der Familie zu gehören wie Staubwischen und Abwaschen. Für die Schauspielerin Tilda Swinton ("Orlando") bedeutete diese Rolle eine große Herausforderung, die sie brillant meistert. Die fast unerträgliche Belastung lässt sich aus ihrem Gesicht ablesen und zeigt sich in Gesten und Bewegungen. Ihr Mund bleibt dabei geschlossen, so wie es sich für eine gute Mutter gehört, die ihre Qualen mit niemanden, schon gar nicht ihrer Familie, teilen darf. Hier liegt der wahre Grusel dieses Films.