06/03 Viel passiert - Der BAP-Film 



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| Marie Bäumer und Wolfgang Niedecken haben in 'Viel passiert - Der BAP-Film' einen gemeinsamen Auftritt. Bild von: ottfilm |
"En dä ahle Stadt, wo ich herkumm, dämm Millionedorf ahm Rhing, wo ming Ahne schon jelääf hann un ming Pänz jeboore sinn" - Wolfgang Niedecken singt über Köln und natürlich hat er das Recht dazu. Der Frontmann von BAP, der dem eigenen Bekunden nach auch in Kölsch träumt und Hochdeutsch erst mit sechs Jahren gelernt hat, stand und steht für seine Stadt ein. Dass er mit seinen Texten, die im Norden, Süden und Osten Deutschlands kein Mensch versteht, trotzdem Erfolg hatte, ist einerseits ein Wunder, andererseits wieder nicht. Sie garantierten der Rockband ihre Individualität.
Jetzt hat Wim Wenders einen Film über BAP gedreht. Oder besser: einen Film über die Lieder von BAP. Frontmann Wolfgang Niedecken war auf den Regisseur zugekommen und hatte ihn gebeten, zum Song "Mayday", der auf dem Konzeptalbum "Tonfilm" 1999 erschienen war, ein Video zu fertigen. Beide kannten sich bereits seit 1987, als sie nach einer gemeinsamen Fernsehsendung eine lange Nacht an der Hotelbar verbrachten und sich die meiste Zeit über Bob Dylan unterhielten. Nun also "Viel passiert - Der BAP-Film" von zwei Menschen, die ganz offensichtlich auf einer Welle schwimmen. Wenders hatte vorgeschlagen, sich doch nicht nur auf einen Titel zu beschränken. Zumal ihm zu "Mayday" auch nichts eingefallen war.
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| Wolfgang Niedecken und BAP stehen im Mittelpunkt des Dokumentarfilms von Wim Wenders. Bild von: ottfilm |
Über viele Monate hinweg wurde gedreht. Im Kern steht ein Live-Auftritt der Band in der wunderbar anzuschauenden Essener Lichtburg, um den herum als Collage historische Bilder geschnitten wurden. Wenders wollte mehr: Es ging ihm nicht nur um die Musik, es ging ihm um Deutschland, dessen Geschichte sich tatsächlich mal in schwermütigen, mal in heiteren, mal in verrockten Tönen widerspiegelt. Da ist zum Beispiel der Versuch der Band, als erste im Osten ein Konzert zu geben. Im letzten Moment sagten die Mannen um Niedecken ab, sahen sie sich doch noch vor den Karren der DDR-Regierung gespannt. Ob das richtig war oder falsch, darauf gibt der Film keine Antwort.
Seinen Anfang nahm alles mit einem Biermann-Konzert, das ebenfalls kurz erwähnt wird. Dann sah Niedecken an seinem 16. Geburtstag, dem 30. März 1967, ein Konzert der Stones in Köln, das wohl sein Leben verändert haben muss. Akribisch wurde nach filmischen Dokumenten aus jener Zeit geforscht, und tatsächlich wurden welche gefunden. Es folgen ein Interview, in dem Heinrich Böll die Fragen stellt, die Hommage an den 1. FC Köln, Willy Millowitschs Worte gegen Ausländerhass. Sehr beliebig das alles und visuell einzig verbunden durch die stete Rückkehr in das alte Kino, die Lichtburg.
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| BAP genießen vor allem als Liveband einen guten Ruf. Bild von: ottfilm |
Dort legt Joachim Król als schweigender Vorführer die Filme ein, Marie Bäumer verkauft Eis im Röckchen. Hart am Rande des Kitschs sind mitunter diese verklärenden Bilder der guten, alten Kinozeiten. Aber vielleicht passt das ja: "Verdamp lang her" aus dem Album "Für Usszeschnigge", ganz sicher der größte Song in der Geschichte der Band, erhält als eines von ganz wenigen alten Stücken viel Raum in dieser Hommage. Fans, die in den 80er-Jahren an BAP klebten, werden sich in diesem Moment fühlen wie Regisseure, die im Jahr 2002 an alten Filmtheatern hängen und dort Einzug halten dürfen.
Erzählt wird das alles, oft recht pathetisch, von der sonoren Stimme Niedeckens, der über die meiste Zeit des Films als Einziger für BAP steht. Häufig wurde die Kölner Formation, in der heute noch zwei Kölner sind, in den Jahren umformiert, woran Niedecken selbst am Ende in kurzen Worten erinnert. Auch die Fans kommen kaum vor, ganz bewusst, wie Wenders und Niedecken betonen. Zu oft habe man in Musikdokumentationen die Menschen vor der Toren der Konzerthalle gesehen, die erklären, warum sie gleich dort reingehen und Spaß haben wollen. Dennoch bleibt auf diese Weise eine Lücke, die der Film durch seine zweifelsohne ansprechende Ästhetik nicht zu füllen vermag. Alles ist nur Bühne in diesen 96 Minuten, die Geschichte Deutschlands sind Böll und Biermann und die anderen. Aber den Graben zu denen, die BAP mochten und mögen, die Deutschland lebten, macht dieser Film größer.
Niedecken hat einmal gesungen, es ist viele Jahre her: "Samsdaachohvend, Ohnsorg läuf, övverm Hof spillt einer Klavier. Drusse rähnt et, Mama schlööf zwesche Salzjebäck un Bier. Lottozahle, wieder nix, Woot zem Sonndaach, Tagesschau. Papa litt ald lang em Bett, noh der Sportschau wohr e blau. "Weil dä F.C. su niemohls Meister weed..." - auch das war Deutschland. Ist Deutschland immer noch. Oder wieder.