Monsoon Wedding
Hochzeitsgäste aus aller Welt reisen nach Dehli an, und der Zusammenprall von Moderne und Tradition sorgt für witzige Turbulenzen - dafür gab's einen "Goldenen Löwen" für Mira Nair.
V: Prokino, IND 2001
R: Mira Nair, D: Naseeruddin Shah, Lillete Dubey, Shefali Shetty u.a.
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| Bild von: Prokino |
Manche Eltern stöhnen über die teuren Wünsche ihres Nachwuchses hierzulande. Verglichen mit einer Hochzeit im Punjab, der Heimatregion der Regisseurin, sind das nur Kleinigkeiten. Selbst vermögende Männer wie Brautvater Lalit (Indiens Superstar Naseeruddin Shah) geraten in eine Krise. Das Oberhaupt der Familie, das denkbar unpatriarchalisch auftritt, muss sich in der heißen Phase der Vorbereitungen des tagelangen Festes Geld leihen. Natürlich darf es bei der Hochzeit von Aditi (Vasundhara Das) mit einem Inder aus Amerika an nichts fehlen. Allerdings weiß er nicht, dass seine Tochter nur ungern einwilligte und eigentlich noch an ihrem verheirateten Liebhaber und Chef hängt.
Doch schon trudeln aus Indien, den USA und Australien Verwandte zur Feier ein. Wer "Monsoon Wedding" im Original sieht, darf sich nicht wundern, warum er trotz guter Englischkenntnisse auf die Untertitel zurückgreifen muss. Mitten im Satz wechselt man vom Englischen zu Hindi und wieder zurück. Auf dem Fest wimmelt es vor Non Residential Indians, also Indern, die Indien verlassen haben. Und sie liegen sich bald alle in den Haaren.
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| Bild von: Prokino |
Geschickt verbindet das Drehbuch fünf Geschichten miteinander: Fast jede Figur hütet ein Geheimnis, das schon für sich allein genommen die Zeremonie sprengen könnte. Eine der schönsten und "indischsten" Geschichten spielt sich zwischen dem Hochzeitsausrichter Dubey (Vijay Raaz) und der Hausangestellten Alice (Tilotama Shome) ab. Fasziniert von ihrer Schönheit, verschlägt es dem schlitzohrigen Händler, der ständig Ringelblumen kaut, die Sprache und den Verstand. Wann immer sich die beiden treffen, scheinen Gesten und Blicke wichtiger als Worte. Für unsere Ohren geheimnisvoll-exotische indische Musik hebt sie für ein paar Minuten aus dem turbulenten Geschehen heraus, ganz als wären sie auf einem anderen Planeten - Hollywood lässt grüßen.
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| Bild von: Prokino |
Geschickt verbindet Nair die traditionellen Erzählweisen Indiens mit westlichen Ansichten von Filmdramaturgie. Schließlich stammt sie aus einem Volk von Cineasten: Zehnmal ins Kino pro Woche - von so einem Publikum können Produzenten hierzulande nur träumen. Hollywoods Pendant in Bombay schenkt seinen Zuschauern Stunden in einer Traumwelt ohne Risiko mit den immer gleichen Storys. Über Erfolg oder Misserfolg entscheiden die fünf "Song & Dance" Einlagen, die sich auf einer romantisch-erotischen Metaebene außerhalb der Handlung abspielen. Wenn die Musik überzeugt, hält es keinen Inder auf seinem Sessel, dann stehen die Zuschauer auf, tanzen und singen laut mit.
Indische Mainstream-Kultur empfand Nair früher selbst als Kitsch. Heute gibt es keine Berührungsängste mehr, und in ihrer verfeinerten Form gilt die mit den richtigen Rhythmen als Club-Sound aufgemischte Musik als hip und wird in angesagten Clubs wie der Buddha Bar in Paris gespielt. Mit ihrem Indien-light-Film kann Mira Nair kulturübergreifend ein breites Publikum begeistern und mitreißen. Das liegt auch an den Bildern von Kameramann Declann Quinn, der im Dogma-Stil mit Handkamera durch die Vorbereitungen und das Fest wuselt und das Gefühl vermittelt, ganz nah dabei zu sein. Als Gast einer echten indischen Hochzeit, und zwar als erwünschter.
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