SiSA - Das Event-Port für Augsburg : 13/03/2002

Die Royal Tenenbaums

Wes Anderson liefert ein verschrobenes, sinnloses kleines Meisterwerk ab, in dem keine Moral vermittelt wird, sondern der Irrsinn waltet - und zwar mit Methode.

Genre: Groteske
Start: 14.03.


R: Wes Anderson, D: Gene Hackman, Ben Stiller, Gwyneth Paltrow u.a.

Vorhang auf für eine wirklich schrecklich nette Familie: die Tenenbaums. Von links: Richie (Luke Wilson), Margot (Gwyneth Paltrow), Royal (Gene Hackman), Ari (Grant Rosenmeyer), Uzi (Jonah Meyerson), Chas (Ben Stiller), Etheline (Anjelica Huston), Henry Sherman (Danny Glover), Pagoda (Kumar Pallana). Bild von: Buena Vista
Seit jeher ist das Erschaffen der Welt Gott vorbehalten. Laut Bibel mühte er sich sechs Tage lang, ruhte am siebten und sah, dass es gut war. Was würde der alte Herr wohl sagen, wenn er sich den neuen Film von Wes Anderson anschauen könnte? Schließlich tut der Amerikaner nichts anderes, wenngleich seine Schöpfung viel kleiner ist und nur im Kino stattfindet. Mit seinem neuesten Werk, "Die Royal Tenenbaums", beweist er wieder mal, dass er im Augenblick der einzige Regisseure ist, der über eine solch individuelle, ausgeprägte, skurril-lakonische Bildsprache verfügt.

Wes Anderson leistet Widerstand: gegen gängige Erzählmuster, klischeebeladene Charaktere, vorhersehbare Entwicklungen. Stattdessen erweckt er Figuren zum Leben, denen auch das Wort "Sonderlinge" nur annähernd gerecht wird. War beim Vorgänger "Rushmore" nur die Hauptfigur irgendwie "anders", trifft das nun auf nahezu alle zu. Vater, Mutter und ihre drei Kinder, die im Laufe der Zeit vom Weg abkommen und fortan durchs Leben mäandern, als stünden sie unter Drogeneinfluss: Das ist die Familie "Tenenbaum". Der Normalste ist noch das Oberhaupt, Royal. Gene Hackman verleiht ihm die Züge eines Mannes, der den Leuten in alten Slapstickfilmen gleicht, die mit Leitern auf dem Rücken grinsend durch die Gegend laufen und gar nicht verstehen können, warum andere in ihrem Rücken plötzlich auf die Schnauze fallen.

Royal Tenenbaum (Gene Hackman, rechts) bittet seinen Sohn Chas (Ben Stiller, links) und seine Adoptiv-Tochter Margot (Gwyneth Paltrow) um eine Unterredung. Seine Enkel Uzi (Jonah Meyerson, Mitte) und Ari (Grant Rosenmeyer, zweiter von links) hören gebannt zu. Bild von: Buena Vista
Bei ihm laufen die Fäden der Geschichte zusammen, die wie beim Theater in einzelne Akte unterteilt ist, einen Erzähler hat, in einem Fantasie-New York spielt und aus unzähligen kleinen Bildern, Szenen und Episoden besteht, die teilweise holzschnittartig aneinandergereiht sind. Royals Kinder sind eine Horde Genies, die in jungen Jahren preisgekrönte Theaterstücke schrieben, auf den internationalen Finanzmärkten Millionengewinne einfuhren oder zu den talentiertesten Jungtennisspielern der Welt gehörten. Doch eines Tages zieht der erfolgreiche Rechtsanwalt Royal aus dem gemeinsamen Haus aus, um fortan in einer Suite des Lindbergh Palace Hotels zu residieren, und zurück bleiben seine Frau Etheline (Anjelica Huston) und drei verstörte Kinder, denen nun nichts mehr gelingen will.

Das einstige Finanzgenie Chas (Ben Stiller) verliert seine Gemahlin bei einem Flugzeugabsturz und läuft seitdem zusammen mit seinen beiden Kindern Tag und Nacht nur noch im roten Trainingsanzug durch die Gegend, um auf alle Notsituationen entsprechend reagieren zu können. Die Autorin Margot (Gwyneth Paltrow ohne jeden Hollywood-Glamour) ist mit dem Psychoanalytiker Raleigh St. Clair (Bill Murray) verheiratet, zieht es aber vor, sich tagelang im heimischen Bad einzuschließen und heimlich Zigaretten zu rauchen. Und Richie (Luke Wilson) erleidet auf dem Tenniscourt einen Nervenzusammenbruch, drischt den Ball über die Zuschauertribüne und reist fortan auf Ozeandampfern durch die Welt. Schräg. Schräger. Tenenbaums.

Die Geschichte gewinnt an Fahrt, als Royal wegen unbezahlter Rechnungen aus seiner Hotelsuite rausfliegt und sich unter der Vorspiegelung, in wenigen Wochen an Magenkrebs zu sterben, wieder bei seiner Frau einschleicht. Auch die Kinder kehren in Mutters Schoß zurück, ohne sich jedoch mit Royal versöhnen zu wollen. So muss er sich, nachdem er sich auf seine alten Tage noch einmal auf Werte wie Liebe und Zusammenhalt besinnt, ganz schön ins Zeug legen, um aus dem chaotischen Neurotikerhaufen zumindest eine chaotische Neurotikerfamilie zu formen.

Der Abenteuerromane-Schreiber und Nachbarsjunge Eli Cash (Owen Wilson, links) wollte schon immer, wie Richie (Luke Wilson), ein Tenenbaum sein. Bild von: Buena Vista
Wie beim Vorgänger "Rushmore" schrieb Wes Anderson auch diesmal die Story (für den Oscar nominiert!) zusammen mit seinem alten Freund Owen Wilson, der zudem als Nachbarsjunge Eli Wiesel in Erscheinung tritt und in seinem Auftreten den anderen in Sachen Skurrilität in nichts nachsteht. Der arme Junge hat sich zeit seines Lebens gegrämt, selbst kein Tenenbaum sein zu dürfen! Die beiden reihen allen Ernstes eine absurde Episode an die andere, gönnen dem Zuschauer keine Verschnaufpause und verbauen ihm von Anfang an herkömmliche Kino-Mechanismen wie Identifikation und Anteilnahme. Wie soll man auch mit einem Mann wie Richie Tenenbaum mitfühlen, dem Lieblingssohn Royals, der mit seinem Stirnband aussieht wie Björn Borg zu seinen besten Zeiten, nur dass er dazu eine überdimensionierte Sonnenbrille und einen drei Nummern zu kleinen Anzug trägt? Was soll man von einem Mann halten, der seinem Vater sein Zimmer überlässt und stattdessen ein Zelt im Wohnzimmer aufschlägt, in seine (adoptierte) Schwester Margot verliebt ist und sich aus Eifersucht zuerst seinen Bart abrasiert und dann die Pulsadern aufschneidet?

Wes Anderson ist Geschmackssache, keine Frage. Die einen sehen in ihm das größte Film-Genie unserer Tage, die anderen halten ihn für einen Scharlatan, der seine eigene Größe selbst als solche empfindet und deshalb mit Vorliebe Filme über Wunderkinder dreht. Doch egal, wie man zu ihm steht: Mit einer Ernsthaftigkeit und Lakonie, die ihresgleichen sucht, schafft er Bilder, die noch lange im kollektiven Kinogedächtnis haften bleiben; eine Umwelt, die unwirklich ist wie Alicens Wunderland und doch bei weitem nicht mit dem wirklichen Geschehen unserer Tage mithalten kann; Figuren, deren Absurdität so allgegenwärtig und allmächtig ist, dass das Gefühl fürs Normale auf der Strecke bleibt und ab der Hälfte des Films überhaupt nicht mehr vermisst wird.

Margot Tenenbaum (Gwyneth Paltrow) hat sich schon seit Tagen im Bad eingeschlos- sen. Ihr Ehemann Raleigh St. Clair (Bill Murray) macht sich so seine Gedanken. Bild von: Buena Vista
Wenn der Regisseur im Vorfeld erklärt, ihn habe bei diesem Film interessiert, wie jeder einzelne mit dem Verlust des Vertrauens aufs eigene Können umgehe und wie sich der Glauben an sich selbst wiederfinden lasse, dann sollte das nicht allzu ernst genommen werden - und wenn doch, dann ist der Versuch gescheitert. Aber genau diese Zweideutigkeit zeichnet den Film aus: Er entzieht sich gängigen Erklärungsmustern, macht sich selbstständig und überlässt es jedem einzelnen, daraus nun eine Lehre zu ziehen oder ihn doch lieber als ein verschrobenes, sinnloses kleines Meisterwerk anzusehen. Moral vermitteln andere. Hier waltet der Irrsinn, und zwar mit Methode. Wie sagt noch gleich die junge Göre Frannie in John Irvings "Hotel New Hampshire", einem Buch über eine alles andere als normale Familie? "Versteh doch: Wir sind nicht exzentrisch, wir sind nicht bizarr. Für einander sind wir so alltäglich wie Regen." Royal Tenenbaum hätte sicher das gleiche gesagt.

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