SiSA - Das Event-Port für Augsburg : 27/03/2002

Schiffsmeldungen

Dramatische Komödie und Liebeserklärung an das Leben mit Kevin Spacey.

Genre: Drama
Start: 28.3.


R: Lasse Hallström, D: Kevin Spacey, Julianne Moore, Dame Judi Dench u.a.

Julianne Moore spielt in 'Schiffsmeldungen' die schöne Wavey Prowse. Bild von: Concorde
Wenn es nicht gerade um Steven Spielberg geht, interessieren sich Zuschauer vorwiegend für die Schauspieler, weniger für den Regisseur. Filme von Lasse Hallström sind die Ausnahme von der Regel, auch wenn es manchen noch nicht bewusst ist. Der Schwede malt einzigartige Geschichten. Er schwärmt mit der Inbrunst eines Märchenerzählers, wie man ihn längst ausgestorben wähnte. Als berühre er sie mit einem Zauberstab, hinterlässt er bei allen, die sich dem Kitsch nicht ganz verschließen, ein gutes Gefühl, das unbezahlbar und schwer zu beschreiben ist. Dies tut er auch bei "Schiffsmeldungen", nachdem er Kevin Spacey lange Zeit nach dem Glück suchen ließ.

Nach dem Unfalltod seiner Frau lebt Quoyle (Kevin Spacey) völlig zurückgezogen. Bild von: Concorde
Dass Spacey in einem Lasse-Hallström-Film auftaucht, ist eigenartig. Zu viel des Guten, könnte man sagen. Natürlich ist er der Mittelpunkt. Sein Name: Quoyle. Er ist so verquer, wie die Buchstaben klingen. Eine Frau (Cate Blanchett) stieg nach einem Streit mit ihrem Typen in sein Auto. Er solle Gas geben, hat sie gesagt. Das tat er. Vor lauter Glück darüber, dass ihn jemand wahrgenommen hat, steht außer Frage, dass sie die Richtige sein muss. So duldet er ihre Alkoholeskapaden und räumt in gebückter Körperhaltung jahrelang hinter ihr her. Ganz kurz nur erwartet man Spaceys lautes Aufbäumen aus "American Beauty". Doch dieser Film wird sehr viel stiller werden.

Als sie bei einem Autounfall stirbt, zieht er mit der Tochter nach Neufundland. Er hat nichts zu gewinnen, nichts zu verlieren, folgt lediglich der alten Tante (Judi Dench), die ihm diesen Vorschlag macht. Im Haus seiner Ahnen angekommen, beginnt Quoyle die Schiffsnachrichten des kleinen Ortes zu schreiben. Er entdeckt gewisses Talent, erfährt Schlechtes aus seiner Vergangenheit, läuft auf neuem Terrain, hat böse (Pete Postlethwaite) und liebenswerte (Rhys Ivans) Kollegen. Nichts Besonderes unterm Strich. Ein ganz normales Leben.

Wavey Prowse gibt Quoyle neuen Lebensmut. Bild von: Concorde
Langweilig. Wenn nicht Kevin Spacey den im Halbschlaf wandelnden Mann so spielen würde, dass man die Schnüre spürt, mit denen er sich selbst fesselte. Dann kommt der Auftritt Lasse Hallströms, der den Weg ins Glück so genau kennt, das man meint, ihn nachgehen zu können. Wie schon in "Chocolat" skizziert er in Sekunden die Säulen seiner Geschichte. Vergangenes Jahr zur Berlinale war es ein Dorf ohne Namen, traurig und prüde, bis Juliette Binoche dort ihre Zuckerbäckerei eröffnete. Dieses Jahr wurde zu den Festspielen Quoyle vorgestellt: ein Leben auf dem Fließband.

An der rauen, farblosen See gewinnt der einstige Fabrikarbeiter fast unmerklich an Profil und beginnt, aufrecht zu gehen. Am Ende wird er fünf Zentimeter größer sein. Mit minimalen Änderungen in der Gestik und Mimik zeigt Spacey, wie nuanciert er Charaktere spielen kann. Sein Blick ändert sich. Er ist kalt oder liebenswert. Hallström lässt das Licht gezielt auf sein Gesicht fallen, filmt ihn aus einem anderen Blickwinkel. Und doch dominiert der Weltstar aus "American Beauty" und "Die üblichen Verdächtigen" nicht das Geschehen.

Die Süffisanz von Judi Dench als altersweises Familienmitglied und die entspannte Natürlichkeit von Julianne Moore sind ebenso elementar wie die boshafte Schlampenaura von Blanchett, die Quoyle so überwältigt. Der Regisseur zeigt die Schönheit in den Charakteren, ohne ihnen das Lebhafte, Lebendige zu entziehen. Mit befremdender Leichtigkeit streift er die Ereignisse, die mehr zu einem Drama denn zu einer Komödie passen. Doch "Schiffsmeldungen" ist mehr Komödie als Drama.

Im Zusammenleben mit seiner resoluten Tante (Judi Dench) entdeckt Quoyle, dass Familie auch ein Anker sein kann. Bild von: Concorde
Hallström bettet das Schreckliche in Nettes, oder pflanzt er doch Triebe des Schönen in die Grausamkeit? Das wird sein Geheimnis bleiben, denn er will nur zeigen, dass in jedem noch so verkorksten Leben unter den Dramen das Glück zu finden ist. Man muss nur den Deckel heben. Bei Lasse Hallström brennen zu diesem Zweck oft Häuser ab oder werden in alle Winde zerstreut. Gilbert Grape, Quoyle, die schöne Zuckerbäckerin und der Junge aus "Gottes Werk und Teufels Beitrag" durften in den Filmen des Regisseurs ihre Vergangenheit hinter sich lassen und einen Moment das Glück küssen. Ein Moment, der uns wie ein ganzes Leben vorkommt. Was ist da schon ein verlorenes Haus?

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