| SiSA - Das Event-Port für Augsburg : 29/04/2002 | ||||||
Im toten WinkelDrei Jahre lang war Traudl Junge eine der persönlichen Sekretärinnen Adolf Hitlers. Ihr diktierte er am Ende sein politisches Testament. Nun lässt sie in ihren eindrucksvollen Schilderungen die Vergangenheit wieder aufleben.
"Ich komme aus der Tradition des Geschichtenerzählens, des Zuhörens. Ich verlasse mich darauf, dass eine spannende Figur, die etwas Spannendes erzählt, kein Beiwerk braucht", begründete André Heller die Entscheidung, einen derart minimalistischen Film ins Kino zu bringen. 90 Minuten lang sitzt der Zuschauer einer 81-jährigen Frau gegenüber und hört ihr beim Erzählen zu. Das reicht. Mehr bedarf es nicht. Filmische Abwechslung bieten nur die Szenen, in denen Traudl Junge dabei zu beobachten ist, wie sie sich bereits abgedrehte Aufnahmen von sich anschaut, wie sie sie aufnimmt, kommentiert, ergänzt und korrigiert. Nach 90 Minuten weiß man dank einer begnadeten Erzählerin ein wenig mehr über die Banalität des Dritten Reiches, über Hitlers engstes Arbeitsumfeld und über die letzten Tage, als das Tausendjährige Reich in der Agonie versank und jeder im Führerbunker seine eigene Giftkapsel in der Tasche trug.
Nie konnte sie sich verzeihen, damals so naiv gewesen zu sein. Jahre später kam sie in München an einem Gedenkstein für Sophie Scholl vorbei und sah, dass die hingerichtete Studentin im gleichen Alter war. Sie schämte sich. "In dem Moment hab' ich eigentlich gespürt, dass es keine Entschuldigung ist, jung zu sein, sondern dass man auch hätte vielleicht Dinge erfahren können." Das gilt für viele in dieser Zeit. Dennoch waren Worte wie diese nach dem Krieg nur selten zu hören.
Zu keinem Zeitpunkt erliegt der Film der Versuchung, aus der Faszination, die zweifellos vom Bösen ausgeht, voyeuristisches Kapital schlagen zu wollen. Stattdessen kehrt er die dahinter liegende Banalität hervor, dass einem der Atem stockt, etwa dann, wenn sie von der Abneigung des größten Massenmörders aller Zeiten gegen Blumen in seinem Zimmer erzählt, weil er keine "Leichen" in seiner Nähe haben wolle. In solchen fast beiläufig erzählten Anekdoten erreicht "Im toten Winkel" denn auch seine eigentliche Größe. Traudl Junge überbrückt die Distanz, die die Deutschen seit dem Krieg zu ihrem "Führer" aufgebaut haben, und holt Adolf Hitler aus den Begriffssphären des "Monsters" oder der "Bestie" in ihre Mitte zurück. Denn von dort kommt er, auch er ein Kind seiner Zeit, nur erbarmungsloser, grausamer und konsequenter als andere. Traudl Junge hat ihn persönlich gekannt, den "Bruder Hitler", und hat nun kurz vor ihrem Tod (sie starb am 11. Februar, kurz nach der Berlinale-Premiere des Films) ihr Vermächtnis hinterlassen. "Wir alle wurden schuldig", heißt es. Es war die Zeit für Helden - wahrscheinlich hat es deshalb so wenige gegeben. |
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