| SiSA - Das Event-Port für Augsburg : 27/05/2002 | ||||||
Der StellvertreterDie Doku-Fiction des Politregisseurs Costa-Gavras zeigt Deutschlands jüngste Vergangenheit aus der Perspektive des Widerstands.
In der Hauptrolle des Kurt Gerstein gelingt es Ulrich Tukur, sich glaubhaft auf dem schmalen Grat zwischen aufgeladener Schuld und mutigem Widerstand zu bewegen. Gerstein ist Sprössling einer protestantischen Familie in Münster - der Vater ist Jurist und deutsch-national gesinnt. Nach dem Ingenieurstudium rät er Gerstein zum Eintritt in die NSDAP. Doch auch als Parteimitglied leistet der Sohn früh Widerstand und setzt sich für die protestantische Kirche ein. Als eine Verwandte dem Euthanasie-Programm der Nazis zum Opfer fällt, ist Gersteins Familie ebenso entsetzt wie es die Kirchen über die Verbrechen der Nazis sind. Doch der massenhafte Mord an den Juden wird eher verdrängt. Selbst, als sich ein Jude demonstrativ vor der Versammlung der Vereinten Nationen erschießt, wendet die Welt die Augen vor dem Geschehen ab.
Dieses menschliche Drama - Gerstein erhängt sich zuletzt in seiner Zelle - hätte alleine sicherlich für einen ganzen Film gereicht. Doch Costa-Gavras, der mit Jean-Claude Grumberg auch das Drehbuch schrieb, stellt dem deutschen SS-Mann noch einen römischen Widerständler zur Seite: den jungen Jesuitenpater Riccardo Fontana (Mathieu Kassovitz), der seinerseits im Vatikan die Gleichgültigkeit und das opportunistische Augenverschließen des Papstes und seiner Kirche bekämpft. Riccardo, der durch seine Familie besonderen Zugang zu höchsten vatikanischen Stellen hat, spricht vor dem Papst aus, was sonst keiner wagt: "Bitte, verhindern Sie den Mord an den Juden."
Zur vielleicht wichtigsten Figur des Films wird ohnedies ein ganz anderer: Es ist ein von Ulrich Mühe mit teuflischem Zynismus und Intellekt gespielter hoher SS-Offizier, ein Handwerker des Bösen. Einer, der sich wie "Bruder Eichmann" als Erfüllungsgehilfe des Teufels von jeder subjektiven Schuld freizusprechen scheint. Mit seiner Darstellung des eleganten Zynikers - an Goebbels erinnernd wird er im Film stets nur "der Doktor" genannt - kommt Mühe der Absicht Costa-Gavras' am nächsten, Parallelen zum Heute zu ziehen und die Gleichgültigkeit gegenüber den in der Gegenwart in Not Geratenen zu zeigen. Was die offizielle Kirche anbelangt, so wiederholt Costa-Gavras nur die Anklage, die Hochhuth bereits in den 60er-Jahren zu Recht erhob. Hier ist nichts Neues hinzugefügt. Der Vatikan hat versagt, er hat nur wenige, allzu wenige Juden gerettet. |
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