Tanguy - Der Nesthocker
Überbordende französische Komödie von Etienne Chatiliez.
V: Prokino, F 2001
R: Etienne Chatiliez, D: Sabine Azéma, André Dussollier, Eric Berger u.a.
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Bild von: Prokino Edith (Sabine Azéma) steht in Tanguy - Der Nesthocker oft am Rande eines Nervenzusammenbruchs. |
Frankreich. Komödien. Wer das Land diesbezüglich nur mit einem Auge beobachtet, dem fällt - neben "Asterix und Obelix" aus der Rubrik Comic - Louis de Funès ein. Vielleicht noch Pierre Richard, der große Blonde mit dem schwarzen Schuh. An ihnen kam man nicht vorbei. Gemein haben die beiden den Hang, ohne Punkt und Komma zu sprechen; sie quatschen den Zuschauer nieder. Das tut auch "Tanguy", überträgt man dies auf die Art, wie ein Film erzählt.
Kaum zu glauben, wie viele inhaltliche Ideen und Wendungen man in 108 Minuten stecken kann: Anfangs stellt Regisseur Etienne Chatiliez einen echten Streber vor: Tanguy Guetz. Sehr gute Noten, toller Dozent, charmanter Eroberer. Der aalglatte 28-Jährige lebt bei seinen Eltern, die er über alles liebt und sie ihn. Nach und nach wird die perfekte Familie demontiert, und es wird offenbar, dass Mama und Papa (Sabine Azéma und André Dussollier) ganz gerne alleine wären. Es folgt eine Orgie an fiesen Einfällen, den Sohn aus dem Nest zu vertreiben. Da die kriminellen Bosheiten nicht fruchten, schmeißen sie den Kleinen raus, natürlich nicht, ohne ihm eine komplett eingerichtete Wohnung zu stellen. In der Einsamkeit bekommt der Junge Asthmaanfälle, und Muttern muss ans Krankenbett eilen und dort das Händchen halten.
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Bild von: Prokino Tanguy Guetz (Eric Berger) wäre lieber noch ein Kind. |
Tanguy, das steht zweifelsohne fest, hat seine Eltern im Griff. Den Eindruck hat man beim Gesellschaftskritiker Chatiliez nicht immer. Ihn faszinierte das bei Männern besonders ausgeprägte Phänomen des Nesthockers, der sich im Hotel Mama verwöhnen lässt, auch wenn er die Volljährigkeit schon eine Dekade lang hinter sich hat. Das Thema reißt ihn so aus den Schuhen, dass er gar nicht aufhören kann, davon zu erzählen. Ihm ging es darum, das Tabu "Ich kann mein Kind nicht mehr ertragen" mit Augenzwinkern zu illustrieren, denn, so der Regisseur von "Das Glück liegt in der Wiese", "mit Humor lassen sich harte Wahrheiten über sensible Themen gut vermitteln". Er will den Finger in die Wunde legen und die Leute dabei zum Lachen bringen. "Dann hat man schon gewonnen", meint der 50-Jährige, der erst 1988 seinen ersten Kinofilm realisierte.
In "Tanguy" mischt Chatiliez unterschiedlichsten Humor. Er beginnt mit einem hübschen Kunstgriff, um seine Art von "Augenzwinkern" vorzustellen: Die Mutter beäugt ihren frisch geborenen Tanguy und flüstert ihm ins Ohr: "Du bist so so süß, wenn du willst, kannst du dein ganzes Leben hier bleiben." Damit wird impliziert, dass sich der hinterlistige Säugling dies gemerkt hat, und auch noch 28 Jahre später von dem Angebot Gebrauch macht, ohne auf eine Veränderung zu sinnen. Doch so subtil bleibt der Humor nicht
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Bild von: Prokino Der Vater von Tanguy, Paul (André Dussolier), holt sich Rat bei seiner Mutter (Héléne Duc): Wie bringt er nur seinen Sohn dazu, sich endlich eine eigene Wohnung zu suchen? |
Wenn die Eltern mit Lärm und rostigen Nägeln in der Türschwelle anfangen, Tanguy weh zu tun, schiebt uns Chatiliez teilweise rüden Bauarbeiter-Humor unter, und man wähnt sich in einer Slapstick-Show. Bravourös ist hingegen die konstante Leistung von Eric Berger in der Titelrolle. Sein jungenhaftes Gesicht erlaubt es ihm, fast per se noch daheim zu wohnen. Meist ist er ungeheuer liebenswürdig, doch man weiß nie, woraus das resultiert, ob ihm alles egal ist oder ob sein Herz und seine Toleranz einfach riesig sind. Er hat für alles so viel Verständnis, dass man ihm eine Ohrfeige geben möchte, andererseits sich aber auch eine Scheibe davon abschneiden könnte. Es passt perfekt, dass Tanguy sich nicht greifen lässt. Je nach Gusto kann man gedanklich auf ihn einprügeln, einfach, weil die großen Augen hinter der Weitsichtbrille nerven oder auch kurzfristig Mitleid mit ihm aufkommt.
Trotzdem, das ungeheure Tempo, in dem der Betrachter durch die Geschichte galoppiert, ist anstrengend und wird verstärkt durch den zunächst feinen Humor, der sich dann in schwarzen wandelt und schließlich ins Absurde kippt. Ein einziges Mal nur atmet der Film durch: Tanguy ist für ein paar Tage weg, und die Eltern erleben wunderschöne Dinge zu zweit - allerdings sind diese, zur Nachahmung für alle älteren Ehepaare empfohlenen, Aktivitäten so rasant geschnitten, dass diese harmonischen Momente nicht helfen, die Hysterie der restlichen anderthalb Stunden zu kompensieren.
Den Trailer zum Film könnt ihr euch hier reinziehen:
Tanguy - Der Nesthocker
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