SiSA - Das Event-Port für Augsburg : 03/06/2002

On the Edge

Ein irischer Film beschäftigt sich mit jungen Selbstmördern und wird zum stillen Meisterwerk.
V: UIP, USA 2000
R: John Carney, D: Cillian Murphy, Tricia Vessey, Jonathan Jackson u.a.

Bild von: UIP
Rachel (Tricia Vessey) kommt nicht über den Verlust ihrer Mutter hinweg
Es ist wie ein Rausch, der niemals aufhören will. Selbstmordkandidaten, die sich jederzeit über die Klippe stürzen würden, leben in Trance, die nur ein Ziel kennt: den baldigen Tod. Nun gibt es einen meisterhaften, kleinen Film aus Irland, der sich einerseits gefühlvoll, andererseits liebevoll tragikomisch um seine Charaktere kümmert. "On The Edge" ist einer der schönsten europäischen Filme des Jahres.

Jonathan Beech ist jung, illusionslos und hat gerade seinen Vater verloren. Jeder wusste, dass der ein Säufer war, doch das kümmert den Jugendlichen nicht. Seltsam entrückt, nach außen aber cool und fordernd, klaut er seinem älteren Bruder die Urne, stiehlt ein Cabrio und jagt über die Klippe. Wie durch ein Wunder überlebt er: "Ich war nicht angeschnallt und wurde rausgeschleudert. Wäre ich es doch bloß gewesen." Er wird in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, in welcher der intelligente, aber eben suizidgefährdete Jonathan nach einiger Zeit tatsächlich Freunde findet.

Bild von: UIP
Jonathan (Cillian Murphy) hat sich in Rachel (Tricia Vessey) verliebt.
Ob nun der sensible Toby, der die Schuld an einem Autounfall trägt, bei dem sein Bruder tödlich verunglückte, oder die abweisende und aufreizende Rachel, mit der ihn schon bald eine zarte Liebe verbindet: Das zuerst so widerspenstige Irrenhaus gefällt Toby mit der Zeit immer mehr. Hier kann er sich über den karierten Wollpullover und den Saab des Klischee-Psychiaters lustig und viele kranke Menschen glücklich machen; denn er bringt sprichwörtlich Leben in die Bude, weckt Hoffnung bei den geistig verwirrten Patienten. Höhepunkt ist eine (illegale, aber wen stört's) Party im Haus von Rachels Eltern. Zuvor wurde kurzerhand der Klinikpförtner narkotisiert.

Dennoch bleibt der Schmerz, die Suizidgefährdung ist stets präsent. Bei "On The Edge" wandeln nicht nur die Charaktere auf der Leinwand, sondern auch die Zuschauer auf einer schmalen Kante: Man wird nicht losgelassen von dem unspektakulären, aber ungemein nahe gehenden Treiben. Wenn sich Rachel sexuell dadurch befriedigt, dass sie sich selbst verstümmelt und ihr Blut fließen sieht, ekelt das an, macht betroffen, schockiert und stimmt traurig. So unheimlich lässig und distanziert die jungen Selbstmordkandidaten auch agieren: Die Verbindung mit dem Zuschauer wird immer enger. Zu tragisch sind die Erlebnisse, die meist mit dem Tod eines allzu nahen Verwandten einhergehen

Bild von: UIP
Stephen Rea schlüpft in "On the Edge" in die Rolle des Klinikarztes.
Allen voran begeistert Cilian Murphy als empfindsamer Rebell Toby ohne Illusionen und schließlich Retter in der Not. Zusammen mit Tricia Vessey zeigt er eindringlich und glaubhaft, wie sich junge, verletzte Menschen in sich verkriechen und aus der Welt fliehen wollen, die ihnen so viel Schlimmes anzuhaben vermochte. Dem irischen Jungregisseur John Carney ist ein Meilenstein gelungen, der in vielerlei Hinsicht den Vergleich mit "Einer flog übers Kuckucksnest" gewinnt. Es gelang ihm, ein Sittenbild der europäischen Jugend mit einer Auseinandersetzung mit Suizidgefahr und der oft fragwürdigen Behandlung von Geisteskranken zu verbinden. Das ist selten zu beobachten: Es gibt keinen szenischen Höhepunkt in "On The Edge"; der Film allein ist es. Von der ersten Minute an.

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