24/06 Sexy Beast 



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Bild von: Senator Don Logan (Ben Kingsley) hat einen Auftrag - und den möchte er erledigen. Widerspruch ist da zwecklos. |
Jetzt haben wir also die offizielle Bestätigung: Gangster zu sein, das ist kein Beruf wie jeder andere. Einfach so zu kündigen und die andalusische Sonne auf den bronzefarbenen Dickbauch scheinen zu lassen, funktioniert nicht. Das muss in "Sexy Beast" der Privatier und Ex-Tresorknacker Gal (Ray Winstone) feststellen. Plötzlich ist da Don Logan (Ben Kingsley) und versucht ihn für einen großen Coup zu begeistern. Jonathan Glazer inszenierte einen der besten Filme des Jahres: Aufregend, sexy und mit brillanten Dialogen - kaum zu glauben, dass der Krimi Glazers Spielfilmdebüt ist.
Der Felsbrocken ist mitten im Swimmingpool des spanischen Landhauses gelandet. Irgendwo oben hat er sich gelöst. Die Schwerkraft lenkte ihn nach unten, immer weiter, immer tiefer. Und jetzt liegt er da im Pool von Gals Villa. Die Kacheln auf dem Beckenboden, angeordnet wie zwei romantisch miteinander verbundene Herzen, sind unter der Wucht des Blocks zersprungen. Das Ding hätte Gal töten können.
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Bild von: Senator Don Logan (Ben Kingsley, rechts) soll den Privatier und Ex-Tresorknacker Gal (Ray Winstone) zurück ins Geschäft holen. Der ist davon wenig begeistert. |
Don könnte Gal auch töten, wenn er wollte. Er soll im Auftrag des Londoner Gangsters Teddy Bass (Ian McShane) ein Team für einen genialen Raubzug zusammenstellen. Jetzt sitzt er auf Gals Couch und versucht ihn zu überreden, mit nach London zu kommen. Überreden ist vielleicht das falsche Wort: Don akzeptiert nur eine Antwort - ein ehrliches, überzeugtes "Ja", das Gal aber nicht sagt. Als Don nach einem Streit zum Flughafen fährt, denken Gal und seine Frau Deedee (Amanda Redman), sie hätten die Sache überstanden. Doch Don randaliert im Flieger und findet sich bald wieder bei Gal und Deedee ein. Das war ein Fehler: Nach einem Streit liegt Don tot auf dem Boden des leeren Pools.
Für Gal ist jetzt klar: Er muss nach London und bei dem Coup mitmachen, sonst würde Teddy ihn töten. Denn der Gangsterboss ist misstrauisch und lässt ihm keinen Moment der Ruhe. Nach dem - gelungenen - Coup fährt Gal zurück nach Spanien. Der Boden des Schwimmbads ist mittlerweile repariert, er kann sich wieder in die Sonne legen und sein Leben als Rentner in vollen Zügen genießen. Eines weiß er: Nach London fährt er nie mehr im Leben.
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Bild von: Senator Don Logan (Ben Kingsley) wundert sich: Offenbar schafft er es nicht, Gal (Ray Winstone) zurück ins Geschäft zu zwingen. |
Zwei Hälften sind es, die den Film strukturieren. Der erste Teil lebt durch das Aufeinanderprallen von Gal und Don unter der Sonne Spaniens, der zweite erinnert mit seinem fulminanten Unterwasser-Bankaufbruch an Gangsterfilme der Swinging Sixties. Spannend sind sie beide, bemerkenswerter ist freilich die erste Hälfte. In einer im Gangsterfilm selten erreichten Dramatik spitzt sich die Situation zwischen den Hauptprotagonisten zu, schnell wird klar: Einknicken wird keiner der beiden, der einzige Ausweg ist der Tod. "Sexy Beast" ist fast eine Tragödie, die auch in der deutschen Synchronisation durch Dialoge verstärkt wird, in denen jedes Wort sitzt. Ohne Ben Kingsley wäre diese filmische Tour de Force freilich nur schwer vorstellbar. Denn während den anderen Charakteren eine gewisse Lasterhaftigkeit, eine gewisse Verlebtheit anhaftet, wirkt Kingsley keine Sekunde lang schwach. Sein Blick ist böse, seine Wortwahl extrem ungehobelt, in Sachen Sozialverhalten ist er total gestört - ein netter Gegensatz zu seinen sonstigen Rollen ("Ghandi").
Als "Britpop-Movie" bezeichnete die englische Presse den Film - eine Einordnung, die aber zu kurz greift, denn mit Streifen wie "Lebe lieber ungewöhnlich" oder "Trainspotting" hat "Sexy Beast" allenfalls das Herkunftsland und die Art der Hintergrundmusik gemeinsam. Glazer, hochdekoriert für seine Musikvideos und Werbefilme, schuf mit einem niedrigen Budget einen Krimi, der in allen Gesichtspunkten überzeugt, trotz großartiger Kameraführung die Dialoge niemals in den Hintergrund rücken lässt und für ein Debüt beängstigend gut ist.