Zeit für einen Liegestütz
Bob Opel hatte sich seiner Kleidung entledigt. Da wartete er nun, so wie Gott ihn schuf, und wartete auf seine große Chance. Die kam. Vorne stand David Niven, selbstverständlich in einen adretten Smoking gehüllt und freundlich lächelnd. Dann raste der Opel los, die Hand zum Victory-Zeichen erhoben. Nackt flitzte er durchs Bild. Das ist jetzt 28 Jahre her. So einen Skandal, den könnte die Oscar-Verleihung wieder einmal gebrauchen.
Es war alles reichlich routiniert in den letzten Jahren. Der letzte, der sich nicht an die Regeln hielt, war Jack Palance 1991, als er den Oscar für die beste Nebenrolle bekam. Auf der Bühne vollführte er einarmige Liegestütze, um zu demonstrieren, was Hollywood alles von seiner alternden Haudegen verlangt, um sie noch einmal auf die Leinwand zu lassen. Danach kam nichts mehr. Dabei täte etwas mehr Improvisation womöglich auch dem Geldbeutel gut. Der übertragende US-Sender ABC verlangte diesmal 150.000 Dollar weniger für eine halbe Werbeminute. Freilich bleibt immer noch ein Preis von 1,25 Millionen, und jede Sekunde ist längst verkauft.
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| Ian McKellens Vorstellung als Zauberer Gandalf in 'Der Herr der Ringe' bringt ihm große Chancen auf den Oscar als bester Nebendarsteller. Bild von: Warner |
Im vergangenen Jahr gab es einen deutschen Triumph: Florian Gallenberger erhielt den Preis für den besten Live-Action-Kurzfilm und erinnert sich bis heute an die Sekunden auf der Bühne. "Der Teleprompter fiel mir als erstes ins Auge", sagt er. 45 Sekunden läuft bei der Dankesrede die Uhr - rückwärts. Dann bläst das Orchester die Preisträger gnadenlos hinaus. Gleißendes Scheinwerferlicht verstellt den Blick auf das riesige Auditorium, gefüllt mit den ganz Großen der Branche. Danach der Presserummel, "alles perfekt organisiert". Es folgte der Governor's Ball, das Fest der Feste. Und dann ging er heim, ins Bed & Breakfast-Hotel, und feierte dort weiter mit seinem Vermieter. Am nächsten Tag war nichts mehr wie es war. Angebote aus Hollywood folgten, manche überdenkt Gallenberger noch, doch sein nächster Film führt ihn im deutschen Auftrag nach Indien. Wie auch immer, die Türen stehen offen. Und wählen durfte der junge Deutsche in diesem Jahr auch, gehört er doch nun auf Lebenszeit der Academy an, die die begehrten Auszeichnungen vergibt.
Belegen lässt sich der Wert des Oscars mit Filmen wie "Der Exorzist" oder "Der Clou", die beide gleichzeitig 1973 in die Kinos kamen. Als sie für den Award nominiert wurden, hatte "Der Exorzist" 53 Millionen Dollar eingespielt, "Der Clou" brachte bis dahin 30 Millionen - und gewann. Nach weiteren 14 Woche hatte "Der Exorzist" um 24 Millionen zugelegt, "Der Clou" um 60. Dieser Preis ist bares Geld.
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| Regisseur Ron Howard (rechts) und auch Hauptdarsteller Russell Crowe sind für den Oscar nominiert: 'A Beautiful Mind' ist einer der Top-Favoriten. Bild von: UIP |
Wer das in diesem Jahr am Abend des 24. März wird für sich verbuchen wird können, ist offen wie selten zuvor. Ein eindeutiger Favorit lässt sich kaum ausmachen. "Herr der Ringe" erhielt 13 Nominierungen und liegt damit klar vorne. Doch ob er als bester Film ausgezeichnet wird, ist unsicher, zumal sich die Academy, von der zwei Drittel der Mitglieder das 60. Lebensjahr hinter sich haben, in der Vergangenheit noch nie von Fantasy-Filmen begeistern ließ. "Beautiful Mind" mit acht Nominierungen liegt gut im Rennen, bekam die authentische Verfilmung des Lebens eines schizophrenen Mathematikers doch zuletzt auch den Golden Globe. Schließlich hat das Musical "Moulin Rouge" zu den beiden Favoriten aufgeschlossen, nachdem der Verband der US-amerikanischen Filmproduzenten ihm seine Auszeichnung als bester Film zukommen ließ. Auch Robert Altmans "Gosford Park" ist schon preisgekürt.
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| Nicole Kidman erhielt für ihre schauspielerische Leistung in 'Moulin Rouge' bereits den Golden Globe. Bild von: Fox |
Klarer auszumachen sind die chancenreichsten Kandidaten bei der Wahl zu den besten Darstellern: An Russell Crowe ("Beautiful Mind") dürfte kein Weg vorbei führen. Ob Al Pacino, Daniel Day-Lewis oder Tom Hanks - die Darstellung schwer kranker Charaktere fasziniert die Jury. Bei den Frauen liegt Nicole Kidman ("Moulin Rouge") ganz vorn im Rennen, Sissy Spacek (als trauernde Mutter in "In the Bedroom") und Halle Berry ("Monster's Ball") werden Außenseiterchancen eingeräumt. Offen ist auch, ob sich der deutsche Filmemacher Johannes Kiefer mit seinem Kurzfilm "Gregors größte Erfindung" wird durchsetzen können.
Einiges ist auch diesmal im Vorfeld klar: Robert Redford und Sidney Poitier erhalten Ehrenoscars, Whoopi Goldberg moderiert die Verleihung, und ProSieben überträgt ab etwa 02.00 Uhr bis in den frühen Morgen hinein. Der bedauerliche Zustand hartgesottener Filmfans am nächsten Morgen am Arbeitsplatz dürfte denn auch der einzige Skandal bleiben, der die Verleihung diesmal begleitet.
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