26/12 Amerika, Du hast es besser!
Charles Darwin hätte in diesen Tagen wieder einmal allen Grund zur Freude gehabt: Selbst das Internet bestätigt die Prinzipien der Natur. Die natürliche Auslese greift, die Stärksten überleben, die Schwachen sterben den Dotcom-Tod. Die Branche konsolidiert sich, die Sprücheklopfer sind längst wieder weg. Übrig bleiben diejenigen, die sich eine vernünftige Geschäftsidee oder solides Haushalten auf die Fahnen geschrieben haben. Und die Zeichen mehren sich, dass die Talsohle durchschritten ist und die Zeiten langsam, aber sicher besser werden.
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| www.newyorktimes.com |
Wie so oft gehen die Amerikaner mit gutem Beispiel voran. Vor kurzem veröffentlichte die renommierteste Zeitung des Landes, die "New York Times", die Geschäftszahlen für das dritte Quartal 2001, und siehe da: Der Betriebsgewinn (EBIT) belief sich auf 800.000 Dollar. Das ist umso bemerkenswerter, als im gleichen Vorjahreszeitraum noch 17 Millionen Dollar Verlust angefallen waren. Kaum zu glauben: Das waren die ersten schwarzen Zahlen, die ein Online-Medium erwirtschaften konnte.
Das ist allemal ein positives Signal, muss jedoch noch nichts bedeuten, schließlich ist die "New York Times" ein Monolith in der Zeitungsbranche, mit einem Ruf und einer Reichweite, die ihresgleichen suchen. Neben den üblichen Einnahmequellen - Bannerwerbung, Kleinanzeigen - gründet sich der Erfolg vor allem auf das Lizenzgeschäft mit dem digitalen Archiv (hier profitiert die Seite natürlich in besonderem Maße von der Stärke der Printausgabe) und auf eine Datenbank mit - wir Deutsche trauen unseren Augen nicht - 14 Millionen registrierten Nutzern. Das bedeutet 14 Millionen Nutzerprofile, die für die Werbekunden genau definierte Zielgruppen darstellen. Natürlich werden dort auch neue Bannermodelle getestet: So sieht der User die ganze Zeit, in der er sich auf der Webseite aufhält, Anzeigen von ein und derselben Firma vor sich: "Surrounding Sessions" nennt sich das im Fachjargon. Damit soll eine Marke auf Dauer ins Bewusstsein der User "eingebrannt" ("Branding") werden, was sich - dazu später mehr - in der Welt des Internets mit barer Münze auszahlen kann.
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| www.wsj.com |
Andere US-Zeitungen tun sich dagegen noch etwas schwerer, befinden sich aber auch auf einem guten Weg: Das "Wall Street Journal Online" setzt seit Jahren auf ein Abo-Modell. Damit konnte bislang zwar noch kein Gewinn erzielt werden (die Kosten der Seite sind noch zu hoch), doch jedes Jahr kommen 100.000 Abonnenten dazu. Die Zahl von derzeit 600.000 registrierten Usern stellt denn auch einen weiteren Rekord in der virtuellen Welt dar.
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| www.t-online.de |
In Deutschland ist man von solchen Zahlen derweil noch Lichtjahre entfernt. Dennoch gibt es auch hier Bestrebungen, den Amerikanern auf ihrem Erfolgsweg zu folgen. Denn langsam, aber sicher, und mit vereinten Kräften, soll etwas zum Laufen gebracht werden, das da heißt: "Content kostet Geld". Diese Forderung steht den Interessen der Internet-Gemeinde bekanntermaßen unversöhnlich gegenüber: 17 Prozent aller Amerikaner standen im Internet bereits vor der Wahl: zahlen oder gehen. Zwölf Prozent entschieden sich für die erste, der Rest für die zweite Variante. Hierzulande dürfte das Ergebnis noch schlechter ausfallen. Diesmal jedoch machen sich zum ersten Mal wichtige "Inhalte"-Lieferanten an die Umsetzung. T-Online-Chef Thomas Holtrop beginnt aller Voraussicht nach schon im Januar, Teile des Angebots für die zehn Millionen T-Online-Kunden in Europa nur noch gegen Bezahlung anzubieten. Zwar beschränkt sich das auf Filmausschnitte und Cent-Beträge, aber immerhin.
Auch die "FAZ" denkt intensiv darüber nach, für ihre ausschließlich im Internet veröffentlichten Texte Geld zu verlangen. Laut Geschäftsführer Jochen Becker stehe das genaue Gebührenmodell zwar noch nicht fest, doch als Starttermin ist bereits Herbst 2002 im Gespräch.
Wenn einer anfängt, ziehen andere vielleicht nach. Somit darf die Internet-Branche ein wenig hoffnungsvoller in die Zukunft blicken. Denn auch beim E-Commerce machten in den letzten Wochen positive Zahlen die Runde. Natürlich gehen auch hier wieder die Amerikaner mit gutem Beispiel voran: Trotz Rezession und Kauf-Zurückhaltung bescherte der Weihnachtshandel den Unternehmen Umsatzsteigerungen von zehn bis 45 Prozent. Dabei konnten sie auch von den Erfahrungen der letzten Jahre profitieren und hatten die oft schwierige rechtzeitige Auslieferung der Waren gut im Griff.
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| www.faz.net |
Auch die deutschen Online-Händler durften sich die Hände reiben: Nach einer Prognose von Forrester Research sollten die Einkäufe im Internet im letzten Quartal um 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigen. Dabei sollen die Deutschen nach den Nielsen/NetRatings-Internet-Trends unter den Europäern sogar am ehesten bereit sein, im Netz einzukaufen. Am meisten freuen dürfen sich darüber neben den Online-Händler (mytoys.de legte schon im November um 270 Prozent zu, ebayshops.de um 65 Prozent) die großen Marken. Nach einer Online-Trendumfrage der Mummert + Partner-Unternehmensberatung unter 1.180 Käufern im Internet setzen 53 Prozent davon auf Markenprodukte und bekannte Firmen.
All das klingt viel versprechend, ist jedoch noch kein Grund, die Trendwende zu verkünden. Zu laut klingen noch die Versprechungen und verheißungsvollen Prognosen der letzten Jahre in den Ohren, die sich weitgehend als falsch herausstellten. Am Ende wächst doch alles langsamer als gedacht. Dennoch geht es aufwärts. Die Großen schreiten voran, aber auch die Kleinen dürfen sich freuen: Oftmals reicht fürs Überleben schon eine kleine Nische. Wer sich dort ausbreitet, kann auch von den Stärkeren nicht mehr so leicht vertrieben werden. Darwin würde sicher zustimmen.