22/04 Lovely Rita 



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| Bild von: Alamode Film |
"Lovely Rita" ist ein Drama unserer Zeit. Einzelkind Rita befindet sich auf der Suche nach vielen Dingen, wie eine ganz normale 15-Jährige. Das Mädchen mit dem leblosen Gesicht rebelliert auf stille Weise. Es brodelt in ihr. Unsichtbar. Dann kommt - ohne Erklärung, ohne viele Worte - die Explosion. Darum ist Jessica Hausners erster Langfilm alles andere als ein Teenie-Film. Die anspruchsvolle, anstrengende Studie mit dokumentarischem Charakter fand 2001 ihren Platz im offiziellen Programm von Cannes.
Macht sie das extra? Rita ist hässlich, die Wohnung der Eltern ist hässlich, das Umfeld: ebenso. Die 70er-Jahre sind in ihrer bizarrsten Form zum Leben erwacht in Jessica Hausners Videoproduktion. Sie vermischen sich mit den Achtzigern. Die Ausstattung ist abstoßend. "Zeitlos" nennt es die Regisseurin, die ihren Film nicht auf eine bestimmte Epoche festlegen will.
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| Bild von: Alamode Film |
Beim Blick auf die Kleinfamilie bleibt einem alles im Hals stecken. "Essen ist fertig", ruft die Mutter aus der Küche. Man nimmt am Tisch Platz. Die Eltern diskutieren über sinnlose Details vergangener Urlaube, bis sich der Vater über den Blick der Tochter beschwert. Jessica Hausner fängt den Albtraum Spießbürgerlichkeit vielleicht zu perfekt ein. Ihre exakte Abbildung ruft beim Zuschauer eine Verweigerungshaltung hervor, als müsste er mit beim Abendbrot der namenlosen Familie sitzen. Es gibt keine Musik, oft herrscht Stille aus spürbarem Desinteresse. Doch es wird auch wieder Morgen. Nur ändert sich deshalb das Leben nicht.
Rita geht in die Schule, sie gehört nicht zur Tussi-Abteilung, will dennoch ab und an Aufsehen erregen. Sie hat zwei, drei Pfunde zu viel, doch im Grunde ist sie hübsch, hat ein schönes Gesicht, das sie natürlich ab und an mit viel zu viel Schminke verunstaltet. Manchmal, in den wenigen entspannten Momenten, hat man sogar das Gefühl, die 15-Jährige macht ihr Ding, geht vorwärts, bekommt ihr Leben in den Griff.
Laiendarstellerin Barbara Osika spielt Rita stoisch exakt und doch dezent und zurückhaltend. Dies ist eine große Leistung. Doch Hausner bremst jede Offenbarung des Seelenlebens aus, zeigt bewusst nur die Oberfläche, wiederholt Bilder und Rituale. Was sie nicht sichtbar macht, sind die Veränderungen, die sich in Ritas Innerem abspielen. Damit will die Wienerin den Zuschauer fordern, der durch die wenigen Informationen einen rein subjektiven Eindruck mit viel Raum für Spekulation gewinnt.
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| Bild von: Alamode Film |
Der Zufall und die Einsamkeit stehen für die Absolventin der Filmakademie auch diesmal im Mittelpunkt. Ihre bisherigen Arbeiten ("Flora", "Inter-View"), die alle auf Video gedreht wurden, handeln von Außenseitern und ihrer Sehnsucht, anderen nahe zu sein. So verliebt sich Rita in den Busfahrer, der viel zu alt ist, umklammert den 13-jährigen Nachbarsjungen, der ihr - nicht nur, weil er an Asthma leidet - unterlegen ist. Sie setzt sein Leben aufs Spiel. Dennoch will man ihr nicht zwangsläufig böse Absicht attestieren. Erschreckend ist die Mauer zwischen Rita und ihren Eltern. Egal, was sie anstellt, es geht eigentlich immer nur um den Klodeckel, den sie nicht runterklappt.
Um dem Anliegen der Regisseurin, der Willkür jede Freiheit einzuräumen, gerecht zu werden, sollte das Ende nicht näher beschrieben werden, da es sonst seine Wirkung verfehlt. Rita hat viel Unsinn gemacht, die darauf folgenden Sanktionen emotionslos zur Kenntnis genommen, bis sie ihr Leben radikal, brutal verändert. Damit finden die abrupten Brüche in dem 80-Minuten-Film zum Schluss eine schmerzliche Steigerung. Rita blickt in die Kamera und wirft, nach Meinung der Regisseurin, dem Zuschauer den Ball zu. Viele werden ihn fallen lassen. Denn die Aussage kann auf einen Satz reduziert werden: Nehmt die Signale eurer Kinder Ernst. Ein Fazit, das Jessica Hausner wohl nicht gefallen würde, da es zu dogmatisch ist.