29/04 Elling 



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Bild von: Arsenal Elling von Regisseur Peter Naess wurde für den Oscar nominiert. |
Filme, die das Herz bewegen, gibt es viel zu wenige. Wer Elling und Kjell beim Versuch, auf eigenen Beinen zu stehen und zu leben, begleitet hat, wird die beiden aus der Klapse Entlassenen ganz fest umarmen. Riesengroß sind ihre Augen, verhältnismäßig klein dagegen die Gehirne. Doch es ist nicht das Kindchenschema, weswegen Elling und sein Kumpel so sympathisch sind.
Elling, ein kleiner Mann mit Buchhaltermanierismen, lebte im Schrank, bevor er in die psychiatrische Behandlung kam. Er wollte immer seine Ruhe vor der Welt, sie war ihm zu aufregend. Mit Zimmergenosse Kjell kommt er in der übersichtlichen Umgebung gut klar. Der an Obelix erinnernde, durchaus charmante Riese, bewundert ihn, wenn er orgiastische Geschichten aus seinem Leben erzählt. Dass er ihm dabei die Hucke volllügt, spielt keine Rolle. Elling weiß um seine Flunkereien, verdreht und organisiert Geschehnisse neu. Im Grunde ist er ein berechnender Typ mit gar nicht mal so vielen guten Eigenschaften.
Hinter seiner korrekten Art, sich auszudrücken und zu kleiden, verschanzt er viele kleine Gemeinheiten, die er manchmal auch überraschend ehrlich anspricht. Die Gelegenheiten, in denen er rücksichtslos schmollt, werden viele aus ihrem eigenen Leben kennen. Doch versucht es da natürlich jeder zu leugnen, während Elling tut, was er will. Seine gnadenlos ausgeleuchteten Schwächen versetzen den Zuschauer gleichzeitig in Entzücken und regen zum Überdenken bestimmter Verhaltensweisen an.
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Bild von: Arsenal Das Original stammt aus dem Theater. Peter Naess adaptierte "Elling" fürs Kino und schuf einen der erfolgreichsten norwegischen Filme der vergangenen Jahre. |
Nachdem der Vorspann ebenso schnell wie präzise die Charaktere und ihre Bindung zueinander vorgestellt hat, beginnt ihr Leben in Freiheit unter Obhut eines Sozialarbeiters - und die eigentliche Leistung von Regisseur Peter Naess, den bei der Verfilmung der Romanvorlage ("Blutsbrüder" von Invar Ambjornsen) die Schnittpunkte der beiden Freunde interessieren.
Einer denkt geradeaus nach vorne, die Überlegungen des anderen bewegen sich wie Pingpong-Bälle durch einen quadratischen Raum. Einmal angestupst, kommen sie nicht mehr zur Ruhe. Es ist bezaubernd zu verstehen, wieso diese Art Symbiose so gut funktioniert. Ihre Intelligenz bringt sie langsam, aber stetig an neue Orte. Sie verweigern sich Herausforderungen, stellen sich ihnen. Man weiß nie, wie sie reagieren, welche Ängste noch unüberwindbar sind. Die Glaubwürdigkeit der Figuren macht die Erzählung spannend.
Im Mittelpunkt steht Ellings Panik, den Freund zu verlieren, der frohen Mutes ins Leben hinausstiefelt. Seine Wut über die profanen Wünsche seines Mitbewohners - es geht um Frauen - lässt ihn seinerseits risikofreudig werden. Die Entschlossenheit, gepaart mit großer Angst vor dem Ausgang des Experiments, steht Per Cristian Ellefsens so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass sich mancher fragt, ob er Elling ist. Das Ensemblemitglied des Nationaltheaters in Oslo hatte tatsächlich schon lange Zeit die Gelegenheit, sich mit dem von ihm verkörperten Herren anzufreunden. Sowohl er als auch sein Partner Sven Nordin standen bereits 120 Mal als Kjell und Elling auf der Bühne. Die Inszenierung von Peter Naess, der sich in erster Linie als Theaterregisseur sieht, war ein ähnlicher Erfolg wie Haders "Indien".
Wenn die beiden sich weiter ins Leben hinaus wagen, verlässt die Kinoversion von "Elling" seine Kammerspiel-artige Hülle und lässt anderen Personen Raum. Es ist gut, dass die Kamera aufhört, ihren Fokus in Kjell Bjarne und Elling zu suchen. Es ist, als entlasse sie die beiden, weil sie jetzt auf sich selbst aufpassen können, keine ständige Kontrolle mehr brauchen.
Denn inzwischen haben sie Erfolge gesammelt. Die haben sie gefeiert - und das Publikum mit ihnen. 800.000 Norweger sahen den Film. Prozentual mehr als "Amélie" in Frankreich, prahlen die Macher. Die 74. Oscar-Verleihung sah trotz Nominierung weder für den einen noch für den anderen eine Auszeichnung vor. Aber Menschen wie Amelie, Kjell und Elling brauchen keine Auszeichnung. Sie sind für uns und unsere Herzen.