29/04 Im toten Winkel 



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Bild von: Dor Film Traudl Junge war von 1943 bis 1945 persönliche Sekretärin Adolf Hitlers und erlebte die letzten Tage im Führerbunker hautnah mit. Kurz vor ihrem Tod hat sie nun ihre Geschichte erzählt. |
Zeitzeugen des Dritten Reiches sind gefragter denn je. Mit Vorliebe setzt sie etwa der ZDF-Historiker Guido Knopp vor schwarzen Hintergrund und lässt sie erzählen: von Krieg, Grauen, Elend. Reflexion und Infragestellen sind selten gefragt, was zählt, ist das Heranzoomen der Vergangenheit, die sich durchs Erzählen lebendiger ausmachen soll zwischen Schwarzweißbildern, Robert de Niros Synchronstimme (Christian Brückner) und der oft pathetischen Hintergrundmusik. Darauf haben André Heller und Othmar Schmiderer in ihrem Dokumentarfilm "Im toten Winkel" nun gänzlich verzichtet. Stattdessen steht einzig und allein die Erinnerung von Traudl Junge im Vordergrund, von 1942 bis 1945 Sekretärin von Adolf Hitler.
"Ich komme aus der Tradition des Geschichtenerzählens, des Zuhörens. Ich verlasse mich darauf, dass eine spannende Figur, die etwas Spannendes erzählt, kein Beiwerk braucht", begründete André Heller die Entscheidung, einen derart minimalistischen Film ins Kino zu bringen. 90 Minuten lang sitzt der Zuschauer einer 81-jährigen Frau gegenüber und hört ihr beim Erzählen zu. Das reicht. Mehr bedarf es nicht.
Filmische Abwechslung bieten nur die Szenen, in denen Traudl Junge dabei zu beobachten ist, wie sie sich bereits abgedrehte Aufnahmen von sich anschaut, wie sie sie aufnimmt, kommentiert, ergänzt und korrigiert. Nach 90 Minuten weiß man dank einer begnadeten Erzählerin ein wenig mehr über die Banalität des Dritten Reiches, über Hitlers engstes Arbeitsumfeld und über die letzten Tage, als das Tausendjährige Reich in der Agonie versank und jeder im Führerbunker seine eigene Giftkapsel in der Tasche trug.
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Bild von: Dor Film Traudl Junge ist eine begnadete Erzählerin und geht auch mit sich selbst hart ins Gericht. |
Wie so oft spielte auch bei dieser Biografie der Zufall eine gewichtige Rolle. "Als ich da hingekommen bin, hab' ich gedacht: Jetzt bin ich an der Quelle der Information ...", erzählt sie, um dann die entscheidenden Worte hinzuzufügen: "... - und ich war im toten Winkel." Tänzerin hatte sie werden wollen. Doch die entsprechende Ausbildung blieb ihr verwehrt, da der Verlag, in dem sie seit 1939 arbeitete, ihre Kündigung wegen "kriegsbedingter Arbeitslenkung" ablehnte. Ihre Schwester war mit der Schwägerin von Martin Bormann, dem Leiter der Staatskanzlei, befreundet, und auf deren Fürsprache hin wurde sie 1942 als Vorzimmersekretärin in die Reichskanzlei dienstverpflichtet. Anfang 1943 verschlug es sie in die Wolfsschanze nach Ostpreußen, Hitlers Hauptquartier, und bis zum Ende war sie an der Seite des "Führers", auf dem Obersalzberg, am 20. Juli 1944, in Berlin. Nach dessen Selbstmord setzte sie sich ab, geriet in russische Gefangenschaft und wurde kurz darauf als "entnazifiziert" entlassen. In Bayern baute sie sich dann ein neues Leben auf.
Nie konnte sie sich verzeihen, damals so naiv gewesen zu sein. Jahre später kam sie in München an einem Gedenkstein für Sophie Scholl vorbei und sah, dass die hingerichtete Studentin im gleichen Alter war. Sie schämte sich. "In dem Moment hab' ich eigentlich gespürt, dass es keine Entschuldigung ist, jung zu sein, sondern dass man auch hätte vielleicht Dinge erfahren können." Das gilt für viele in dieser Zeit. Dennoch waren Worte wie diese nach dem Krieg nur selten zu hören.
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Bild von: Dor Film André Heller gelang es, das Vertrauen von Traudl Junge zu gewinnen. Das Ergebnis ist der eindrucksvolle Dokumentarfilm "Im toten Winkel". |
Unter die Haut geht nicht nur die Schilderung der letzten Tage des Dritten Reichs, die wie in Trance aus ihr heraussprudelt und die Heller und Schmiderer in einer 25 Minuten langen, ungeschnittenen Einstellung zeigen. Ihr Gedächtnis ist gut, ihre Beobachtungsgabe auch, und ihre wohlgeordnete Erzählung zeugt von zahllosen inneren Auseinandersetzungen. Verdrängen kam für sie nicht in Frage, auch nicht, was ihre eigene Schuld betrifft. Denn schuldig wurde auch sie: als Mitläuferin, die in ihrem toten Winkel nichts wissen wollte von der Welt, die draußen zugrunde ging.
Zu keinem Zeitpunkt erliegt der Film der Versuchung, aus der Faszination, die zweifellos vom Bösen ausgeht, voyeuristisches Kapital schlagen zu wollen. Stattdessen kehrt er die dahinter liegende Banalität hervor, dass einem der Atem stockt, etwa dann, wenn sie von der Abneigung des größten Massenmörders aller Zeiten gegen Blumen in seinem Zimmer erzählt, weil er keine "Leichen" in seiner Nähe haben wolle. In solchen fast beiläufig erzählten Anekdoten erreicht "Im toten Winkel" denn auch seine eigentliche Größe. Traudl Junge überbrückt die Distanz, die die Deutschen seit dem Krieg zu ihrem "Führer" aufgebaut haben, und holt Adolf Hitler aus den Begriffssphären des "Monsters" oder der "Bestie" in ihre Mitte zurück. Denn von dort kommt er, auch er ein Kind seiner Zeit, nur erbarmungsloser, grausamer und konsequenter als andere. Traudl Junge hat ihn persönlich gekannt, den "Bruder Hitler", und hat nun kurz vor ihrem Tod (sie starb am 11. Februar, kurz nach der Berlinale-Premiere des Films) ihr Vermächtnis hinterlassen. "Wir alle wurden schuldig", heißt es. Es war die Zeit für Helden - wahrscheinlich hat es deshalb so wenige gegeben.