27/05 Der Stellvertreter 



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Bild von: Concorde Zwei Männer, die unter dem Einsatz ihres Lebens gegen die Nazis kämpfen: Jesuitenpater Riccardo (Mathieu Kassovitz, links) und der SS-Offizier Kurt Gerstein (Ulrich Tukur). |
Ein zugleich wichtiger, aber auch nicht ganz einfach zugänglicher Film ist diese kritische Zeitgeschichtsstudie des griechischen Polit-Regisseurs Costa-Gavras ("Z"). Mit der Figur des SS-Waffenoffiziers und Widerständlers Kurt Gerstein macht es der Regisseur sich selbst und den Zuschauern keineswegs leicht. Gerstein, der als Forscher früh mit dem Vernichtungsapparat Hitlers in den Konzentrationslagern in Berührung kommt, arbeitet in Zentren der Macht, um sie bekämpfen zu können. Als Privilegiertem ist es ihm dabei möglich, in die Gaskammern von Auschwitz zu sehen - die Szene ist eine der ergreifendsten Stellen des Films "Der Stellvertreter", der Rolf Hochhuths gleichnamigem Theaterstück aus den 60er-Jahren nachempfunden ist und im Wesentlichen eine Frage stellt: Hat die Kirche die Augen vor dem Mord an den Juden verschlossen?
In der Hauptrolle des Kurt Gerstein gelingt es Ulrich Tukur, sich glaubhaft auf dem schmalen Grat zwischen aufgeladener Schuld und mutigem Widerstand zu bewegen. Gerstein ist Sprössling einer protestantischen Familie in Münster - der Vater ist Jurist und deutsch-national gesinnt. Nach dem Ingenieurstudium rät er Gerstein zum Eintritt in die NSDAP. Doch auch als Parteimitglied leistet der Sohn früh Widerstand und setzt sich für die protestantische Kirche ein. Als eine Verwandte dem Euthanasie-Programm der Nazis zum Opfer fällt, ist Gersteins Familie ebenso entsetzt wie es die Kirchen über die Verbrechen der Nazis sind. Doch der massenhafte Mord an den Juden wird eher verdrängt. Selbst, als sich ein Jude demonstrativ vor der Versammlung der Vereinten Nationen erschießt, wendet die Welt die Augen vor dem Geschehen ab.
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Bild von: Concorde Gute Bekannte: Ulrich Mühe (links), der in der Rolle eines hochrangigen SS-Mannes und Zynikers der Macht das Morden vorantreibt, und Kurt Gerstein (Ulrich Tukur), der diese Macht von innen heraus zu bekämpfen versucht. |
Gerstein, der durch seine Arbeit am so genannten "Hygiene-Institut" der Waffen-SS die entsetzliche Wahrheit erfährt, versucht dem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Er entschließt sich zur Sabotage und zugleich zur Information des Auslands wie der römischen Kirche, die er als einzige Institution dazu in der Lage hält, die Gräueltaten der Nazis zu stoppen. So arbeitet Gerstein einerseits an Tests mit dem Giftgas Zyklon B, informiert andererseits aber Kirchenvertreter und Botschafter wie den schwedischen Baron von Otter über den Massenmord. Ein "Spion Gottes" ist dieser Gerstein mithin, der sich mit dem Teufel einlässt, um Leben zu retten.
Dieses menschliche Drama - Gerstein erhängt sich zuletzt in seiner Zelle - hätte alleine sicherlich für einen ganzen Film gereicht. Doch Costa-Gavras, der mit Jean-Claude Grumberg auch das Drehbuch schrieb, stellt dem deutschen SS-Mann noch einen römischen Widerständler zur Seite: den jungen Jesuitenpater Riccardo Fontana (Mathieu Kassovitz), der seinerseits im Vatikan die Gleichgültigkeit und das opportunistische Augenverschließen des Papstes und seiner Kirche bekämpft. Riccardo, der durch seine Familie besonderen Zugang zu höchsten vatikanischen Stellen hat, spricht vor dem Papst aus, was sonst keiner wagt: "Bitte, verhindern Sie den Mord an den Juden."
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Bild von: Concorde Der junge Jesuitenpater Ricardo (Mathieu Kassovitz, rechts) versucht bei einer Audienz, den Papst (Marcel Iures) zu einer Stellungnahme gegenüber dem an den Juden begangenen Unrecht zu überzeugen. |
Anders als die biografisch verbürgte Figur Gersteins ist der junge Jesuitenpater allerdings eine fiktive Person. Das mag an der Authentizität von Costa-Gavras Film nichts ändern, aber es kommt doch zu einem gewissen Ungleichgewicht: Die Details, die Gerstein zu einem tragischen Helden machen, fehlen beim römischen Pater völlig. Ihm haftet die Aura des Erfundenen an.
Zur vielleicht wichtigsten Figur des Films wird ohnedies ein ganz anderer: Es ist ein von Ulrich Mühe mit teuflischem Zynismus und Intellekt gespielter hoher SS-Offizier, ein Handwerker des Bösen. Einer, der sich wie "Bruder Eichmann" als Erfüllungsgehilfe des Teufels von jeder subjektiven Schuld freizusprechen scheint.
Mit seiner Darstellung des eleganten Zynikers - an Goebbels erinnernd wird er im Film stets nur "der Doktor" genannt - kommt Mühe der Absicht Costa-Gavras' am nächsten, Parallelen zum Heute zu ziehen und die Gleichgültigkeit gegenüber den in der Gegenwart in Not Geratenen zu zeigen. Was die offizielle Kirche anbelangt, so wiederholt Costa-Gavras nur die Anklage, die Hochhuth bereits in den 60er-Jahren zu Recht erhob. Hier ist nichts Neues hinzugefügt. Der Vatikan hat versagt, er hat nur wenige, allzu wenige Juden gerettet.